Freitag, 1. März 2019

Über die Würde

Vor wenigen anderen fremden Menschen entblößen wir uns so sehr wie vor unserem Arzt. Nicht nur im wörtlichen Sinne. Denn gewiss nicht zu unterschätzen ist, dass dieser fremde Mensch auch alle Gefühle sieht, die über ein Gesicht laufen können. Von Angst über Verzweiflung, Ratlosigkeit, Nervosität, Erleichterung ist wohl alles dabei. Unser Arzt sieht, wenn wir die ungewohnte Situation mit schlechten Witzen zu überspielen versuchen, ob unsere Hände schwitzig sind oder unsere Haut sich vor Scham rot färbt. Er hört, manchmal lautstark, wo die persönliche Schmerzgrenze liegt, und nimmt seufzend wahr, dass wir schon heimlich stundenlang gegooglet haben. Nicht zuletzt registriert er, zu welcher Art von Termin wir einen Menschen als Stütze mitbringen, mit dem wir unter dem Tisch Händchen halten, aber auch, dass manchen Menschen angesichts einer unerträglichen Information nur der Weg der Verleugnung bleibt.
Wie Ärzte mit dieser Verantwortung umgehen, ist mindestens so unterschiedlich wie das Auftreten ihrer Patienten. Aber mir ist mit großem Respekt bewusst, wie sehr gute Ärzte mein Leben schon beeinflusst haben. Als Fünfjährige vergötterte ich meinen Kardiologen im Kölner Kinderkrankenhaus und wollte fortan Medizin studieren. Dann wurde es zwar Medizintechnik, aber insgeheim denke ich manchmal, dass ich das immer noch nachholen könnte – der Abischnitt dafür liegt ja in der Schublade.

Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen kann ich mich nicht an traumatische Erfahrungen im Zusammenhang mit Ärzten und Krankenhäusern erinnern. Dafür bin ich sehr dankbar, denn das ist angesichts der Anzahl an Krankenhausaufenthalten, OPs und Check-Ups einigermaßen bemerkenswert. Stattdessen erinnere ich mich z.B., wie ich nach einer OP (keine Ahnung welche) aufwachte, und mir der Chirurg sofort meine Puppe Ute in den Arm drückte. So als habe er die letzten paar Stunden nicht mich operiert, sondern die ganze Zeit - wie versprochen - meine Puppe betüddelt. Ein paar Jahre später, Herz-OP in Bad Oeynhausen, trug Ute sogar genau wie ich ein riesiges Pflaster auf der Brust, als ich sie wiederbekam. Meine einzige Bedingung an den Arzt: Damals wie heute muss ich alles wissen und alles sehen: Schon als Dreijährige wollte ich lieber genau beobachten, wie mir Blut aus der Vene gezogen wird, als durch alberne Ablenkungsmanöver der Schwestern dabei gestört zu werden. Hatten die Ärzte das erst einmal kapiert, lief´s gut zwischen uns.
Jetzt mit Anfang 30 gibt es keine Puppen mehr, die ich mitschleppe (auch wenn Ute noch irgendwo hinten im Kleiderschrank sitzt, auf dem Stoffbauch noch immer der Abdruck vom Pflaster der Herz-OP). Die meisten Termine muss ich alleine wahrnehmen, und wenn ich schon alleine dasitze, klammere ich mich, wie immer in Situationen, in denen mir die Kontrolle entzogen wird, an meine Routinen. Gleicher Stuhl im Wartezimmer, gleicher Stuhl vor dem Arztzimmer. Immer die erste. Natürlich, denn Disziplin kann ich nach wie vor - nur dass die ausgerechnet hier so reichlich wenig hilft. Und genau das ist es, was mich die Situation als so würdelos empfinden lässt. "Wenn ich nur diese Studie noch lese, vielleicht..." oder "Ich spreche besser noch mal diesen Wert an!", "Wenn du dich nur einfach noch mehr anstrengen würdest, Eva, was ist los mit dir?". In Wahrheit hilft das alles nichts, aber dies hinzunehmen scheint für mein Gehirn eine unlösbare Aufgabe zu sein. "Mehr anstrengen, Eva. Mehr, mehr, mehr...". Zu meinem Glück gibt es diesen einen Arzt, an dessen Humor und Stoffeligkeit ich mich zunächst etwas gewöhnen musste, der mich aber bei der Vereinbarung eines Folgetermins jedes Mal höflich fragt "Passt Ihnen das?". Wir wissen beide, dass mir das passen muss, aber er gibt mit dieser Frage ein kleines bisschen Würde zurück.

Kommentare:

  1. H. glaubt, dass ein wenig Daumendrücken nicht schadet ...

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  2. Ja. Beim Arzt/der Ärztin legen wir immer ein bisschen Leben in ihre Hand.
    H.s Ärztin geht in den verdienten Ruhestand; wie findet er angemessenene Ersatz?

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    1. Wie schade für Sie - aber gut für die Ärztin. Vermutlich gilt auch hier: Ohren offen halten: Meist kennen gute Freunde oder deren Freunde jemanden.

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