Donnerstag, 31. Mai 2018

Der grumpy Opa


Noch an Weihnachten ging er selbstverständlich davon aus, dass sein Enkel an Weihnachten zwar immer dieses nette Mädchen mit ins Sauerland bringt (Anstandsdamen gibt es an Familienfesten ja genug), aber dass das Leben in Aachen vielleicht ein gemeinsames wäre, das kam ihm nicht in den Sinn. So verabschiedete er sich nach dem Weihnachtsfest dann von T. mit den Worten, er müsse sich dann mal bald um eine Wohnung für seine Verlobte und sich kümmern. Entsprechend schwierig stellten wir es uns vor, ihn zu unserer Hochzeit einzuladen, auf der er vergeblich eine Kirche würde suchen müssen. Ein paar Tanten schlugen um des Friedens Willen vor zu suggerieren, eine kirchliche Trauung werde noch folgen, aber das kam für uns nicht in Frage. Da mussten wir und er durch. Die Einladung folgte, die Tanten vor Ort im Sauerland erklärten, das mache man heute so (Opa ist 90) und - die Flüsterpost verriet, er wolle kommen. Am Telefon bestätigte sich das dann - und wir hörten etwas, was wir noch nie von ihm gehört hatten: Er freue sich. 

Wir freuten uns. 

Die Tanten ließen vermelden, sogar ein neuer Anzug sei gekauft worden. Der meint es wohl ernst mit seiner Reise nach Aachen, dabei hat er das schöne Sauerland seit über 15 Jahren nicht verlassen. Warum in die Ferne schweifen, wenn man doch das Sauerland hat.

Dann folgte ein eigentlich harmloser Eingriff, der unvorhergesehen damit endete, dass doch der gesamte Herzschrittmacher ausgetauscht wurde. Nicht ganz so schnell und nicht halb so fit wie geplant kam der Opa dann wieder heim. Seitdem versucht er, wieder auf die Beine zu kommen. Gestern musste er es dann wissen: Wie weit komme ich noch auf meinen zwei Beinen? - und startete im Alleingang die Probe aufs Exempel - nicht umsonst ist er der sturestes Mensch des ganzen Sauerlands. Er schlüpfte also in die Wanderschuhe und stapfte los. Der Plan sah vor, bis zum Markt des kleinen Städchens zu kommen. 500 Meter. Erst vor 4 Wochen noch schaffte er jedes Wochenende 10km. Am Stück. Allein. Ohne Stock. Jetzt aber, nur diese 500 Meter. Das muss doch gehen und würde reichen, um der Hochzeit des Enkels beizuwohnen. Schon auf dem Hinweg merkte er wohl, dass er sich zuviel vorgenommen hatte (aber Sie erinnern sich: der stureste Mensch des Sauerlands) und er ging weiter. Dann erreichte er endlich den Markt. Völlig erschöpft und mit wackeligen Beinen wollte er sich in das Cafe setzen, das da doch immer im Eingangsbereich des Lidl war  - oder? Kein Cafe, nur eine Bäckerei mit Stehtischen fand er vor. Das hatte er doch anders in Erinnerung? Und er wollte doch so dringend ein paar Minuten nur sitzen. Viele Alternativen hatte er nicht und so ging er in den gegenüberliegenden Obi, suchte die Gartenabteilung auf und setzte sich dort auf eine Bank. Und saß. Und saß. Ein Freund seines Schwiegersohns kam vorbei (eigentlich ist es eher ein Dorf als eine Stadt) und fragte ihn, ob er ihm helfen könne und ihn nach Hause bringen solle. Opa verneinte "Nein, nein, ich sitz hier bloß" und er saß noch ein Weilchen. Irgendwann wagte er dann, den Rückweg anzutreten. Aber schon nach wenigen Schritten benötigte er wieder eine Pause, setzte sich an eine Bushaltestelle und wurde erneut gefragt, ob er Hilfe benötige. Endlich sagte er "Ja" - diese hilfsbereiten Menschen nahmen ihn einfach in ihre Mitte und setzen sich mit ihm in den Bus Richtung Zuhause (auch hier war wieder jemand dabei, der die Familie kannte). Dort geleiteten sie ihn noch bis zur Tür - und verständigten dann die Tochter, die später nach Opa schaute. Der gestand sein Abenteuer und musste sich dann eingestehen, dass eine Reise bei den Temperaturen und bei der Aufregung, die ein großes Fest mit sich bringt, in diesem Zustand nicht das richtige ist. 

Er ist untröstlich. Und wir sind es auch.

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