Montag, 2. April 2018

Sei doch endlich mal normal!

Als es im WDR 5 neulich um Glaubenssätze ging, wurde mir einmal mehr klar, dass der meine leider dieser ist "Kannst du nicht einmal normal sein?". Wie so oft sind die Dinge noch nicht so raumeinnehmend, solange sie noch laut ausgesprochen werden. Zwar erinnere ich mich auch heute noch sehr gut daran, wie unangenehm es sich anfühlte, wenn meine Mutter (oder seltener mein Vater) diesen Satz aussprach. Größtenteils bezog sich das auf Situationen, in denen ich (oder meine Schwester und ich) mich nicht so verhielt, wie es aus ihrer Sicht andere normale Kinder taten (im Nachhinein wirklich witzig, denn andere Kinder zu Vergleichszwecken hatten sie ja noch nicht großgezogen...). Zum Beispiel habe ich immer schon gerne gelesen und habe keinen Anlass gesehen, mich jeden Tag nach der Schule mit Freundinnen zu verabreden. Ein-, zweimal pro Woche reichte mir. Als ich im Gymnasium dann am ersten Tag auf dem Platz neben einem Mädchen landete, mit dem ich schnell eine enge Freundschaft aufbaute und in dessen Familie ich mich unglaublich wohl und geborgen fühlte, wurde es ein bisschen mehr. Wir gingen zusammen Inlineskaten, Shoppen, machten die Hausaufgaben zusammen und am Wochenende übernachteten wir beieinander. Später kamen die monatlichen Ü14-Parties hinzu, und ich fuhr mit der Familie auch in den Urlaub. Klingt alles ziemlich normal, oder? Ich war fein raus und fortan stand meine Schwester im Fokus mit ihrer Unnormalität. Ihre einzige Freunschaft war eingeschlafen, und so verbrachte sie die Nachmittage mit unseren Kaninchen spielend, malend oder kochend. Die Bedürfnisse, die meine Schwester und auch mich ein bisschen unnormal erscheinen ließen, wurden von meinen Eltern nicht hinterfragt. Die Unnormalität, die ich aber z.B. in Schuldingen aufwies wurde dagegen gerne hingenommen: Wen stört es schon, wenn die Tochter nur Einser nach Hause abliefert, und nicht ein einziges mal in 13 Schuljahren die Notwendigkeit besteht, Hausaufgaben zu überprüfen? Unnormalität hatte also ihre Kategorien, nicht einmal hier waren meine Eltern konsequent. 
Mit der Trennung meiner Eltern wurde meine erarbeitete Normalität durcheinander gewürfelt. Ich wurde krank, verlor Freunde, gewann neue Freunde, zog in eine eigene Wohnung, in der ich noch ein bisschen mehr und früher als andere die Möglichkeit hatte, eigenbrötlerisches Verhalten zu manifestieren.
Die Vorwürfe meiner Mutter waren seitdem unterschweliger Natur - so oft war sie auch nicht da ;-) - als hätten diese aber eine ganz bestimmte Frequenz gehabt, scheinen sie sich jedoch umso besser eingebrannt zu haben. 

Um mir heute - ausgenommen natürlich jedes selbstzerstörerische oder kranke Verhalten - meine kleinen Unnormalitäten zu gewähren ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, daran muss ich immer noch hart arbeiten. Gleichzeitig weiß ich auch, dass ich - wie wahrscheinlich jeder Mensch - ohne das Gefühl, mich von anderen durch diese oder jene Eigenschaft abgrenzen zu können, nicht zufrieden wäre. 
Die Last, die solche Glaubenssatz darstellen, wiegt geringer mit den richtigen Leuten an der Seite. Wofür normal sein, wenn die richigen Menschen mit meinen Unnormalitäten gar kein Problem haben?

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