Sonntag, 10. Dezember 2017

Mehr als nur Plätzchen

Es war gestern Morgen, nachdem ich im Fitnessstudio war, gefrühstückt, die Sachen für das Plätzchenbacken bereit gestellt hatte und dann noch ein paar Minütchen Zeit hatte, bis meine beiden Mädels kommen würden, um das erste mal (also sie, nicht ich) deutsche Weihnachtsplätzchen mit mir zu backen. Da überkam mich plötzlich eine gewisse Vorweihnachtlichkeit. Ich freute mich über die bis dato nur wegen "Das macht man eben so" aufgestellte Minimal-Deko und machte die Lichterkette auf der Fensterbank an. Alexa rief ich zu, Weihnachtsmusik abzuspielen, und das tat sie. Und ich tanzte ein bisschen zu Last Christmas. Und ich freute mich. Auf den Tag. Und darüber, dass so vieles besser ist als vor vielen Jahren. 

Zwei Winter habe ich jetzt mit dem Plätzchenbacken ausgesetzt. Irgendwie waren mir die Regeln, wie ich das über unzählbare Jahre gehandhabt hatte, noch zu präsent. Widerstand gegen Plätzchen war und ist bei mir sinnlos - ich liebe Plätzchen einfach so sehr. Und daher wollte ich unbedingt ganz normal wie jede andere Frau gemütlich und schön Plätzchen backen zu Weihnachten, dabei Teig und warme Plätzchen naschen, ein paar behalten, ein paar verschenken. Um das einmal im Jahr genießen zu können, verzichtete ich dann aber - anders als jede andere Frau - auf jegliche weitere Nahrungsaufnahme, und überschlug die beim Backen und Naschen aufgenommene Energiemenge so großzügig, dass ich das auch noch logisch fand. In meiner damaligen Wahrnehmung hatte ich mindestens 100g Teig roh genascht, im Anschluss 200g Plätzchen gegessen. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass nur ein Bruchteil davon der Realität entsprochen haben kann.
Ja. Ich und die Süßigkeiten. Krasse Hassliebe. Dass mein Körper - gegen allen Widerstand diesen Süß-Instinkt beibehalten hat, hat mir - wie meine Ernährungsberaterin mal sagte - das Leben gerettet. Aus der minimalen Menge an Nahrung die maximale Energie zu ziehen heißt: Zucker und Fett. Ziemlich genau die Definition, was Plätzchen sind (In Wahrheit sind sie natürlich viel mehr als das 😊) In den Wintermonaten hielt ich mich über Stunden mit einem Spekulatius über Wasser. Dann wieder ein Kaffee. Nach der Mittagspause ein neuer Spekulatius. Dann war auch schon Feierabend. Zu Hause ein bisschen energieleeres Gemüse und ab ins Bett. 
Seit der Aufnahme eines "normaleren Ernährungsverhaltens" (Achtung: ich packe hier einen sehr anstrengenden, tränenreichen und herausfordernden Prozess in zwei Wörter) war ich mit der Plätzchensache auf Kriegsfuß. Plätzchenbacken, obwohl man vorher gefrühstückt hat? Vielleicht sogar danach noch etwas zu Abend essen? No way.

Dieses Jahr aber würde es gehen, wusste ich, ohne dass ich in das altbekannte Verhalten fallen würde. Vor ein paar Tagen lud ich also meine beiden Schülerinnen zum Backen ein. Beide sagten zu und ich kaufte alles ein. Als sie dann nacheinander bei mir eintrudelten, begaben wir uns gleich an die Arbeit. Sehr praktisch, beim Backen und Rezepte-Lesen gibt es viele Wörter zu wiederholen und neu zu lernen. Beide können jetzt unfallfrei Vanillekipferl aussprechen und backen. A. hat eindeutig mehr Talent, die langen Rollen zu rollen, G. dagegen bewies Kreativität, um beim Schwarzweiß-Gebäck die übrig gebliebenen Teigreste zu verarbeiten. Ein grandioser Nachmittag war das. Wir hatten sehr viel Spaß beim Backen. Und: es ist einfach sehr normal, wenn drei Frauen gemeinsam in der Küche stehen und arbeiten. Gemeinsam tranken wir im Anschluss Kaffee und aßen die ersten Plätzchen. Beide waren so begeistert von den Vanillekipferln. Ihre Eltern in Pakistan und Syrien bekamen Thumbs-Up-Fotos geschickt, nach dem Rezept wird vielleicht bald auch in Aleppo gebacken. Und beide freuten sich, den Ehemännern später die Plätzchen unter die Nase halten zu können. 


Als ich abends alleine war, war ich so unfassbar zufrieden mit dem Tag, wie ich es lange nicht erlebt habe. Und dankbar: für neue Menschen in meinem Leben, neue Erfahrungen und für mehr Gesundheit.

Dann kam der Liebste, der sich zum Lernen ins Institut verzogen hatte, heim. Wir aßen noch das Essen, das G. extra für uns gekocht  und als Gastgeschenk mitgebracht hatte. G. schrieb mir kurze Zeit später "Das war ein schöner Tag. ich bin glücklich für diesen Tag".

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