Donnerstag, 2. November 2017

Erwischt.


Eins der Mädchen habe ich eben im Lidl beim Einkaufen gesehen. Im Fitnessstudio grüßt sie nicht, wie so viele andere der traurigen Gestalten. Ich hab das früher auch so gehalten, Hauptsache von niemandem in ein Gespräch verwickelt werden, Hauptsache das Programm schnell abspulen, Hauptsache die Geschwindigkeit auf dem Laufband nicht runterfahren müssen, nur weil jemand hartnäckig freundlich ein Gespräch beginnen will und vielleicht Antworten verlangt, wo doch kein Fitzelchen Luft übrig ist.

Sie kommt morgens rein, wenn ich bei Minute 11 angelangt bin. Knappe zwei Kilometer bin ich dann gerannt. Manchmal höre ich schon bald wieder auf zu laufen. Drei Kilometer reichen mir manchmal - einfach weil ich keine Lust mehr habe. Nur kurz muss ich dann noch mit mir streiten - und anders als vor zwei, drei Jahren habe ich im Tagesverlauf bald vergessen, wie weit ich morgens gerannt bin, fühle mich wach und erfrischt, egal ob es zwei,drei oder fünf Kilometer waren. Welch eine Freiheit ich mir da erkämpft habe. 
Wenn ich ehrlich bin, weiß ich natürlich nicht, ob sie wirklich krank ist. Geschweige denn, ob sie wirklich traurig ist. Ich ziehe da ganz schön viele Schlüsse, zu denen ich nicht berechtigt bin. Die Uhrzeit ihres täglichen Trainings, ihr Äußeres, ihr Gesichtsausdruck und die Legging, deren pfeilförmiges Muster wie ein Hilferuf auf die viel zu große Lücke zwischene ihren Oberschenkeln zeigt, verleiten mich dazu. 

Natürlich hat sie mich auch erkannt. Wenn man sich alle zwei Tage über den Weg läuft, erkennt man sich auch, wenn man entgegen der Routine mal Mascara trägt und halbwegs ordentlich gekleidet ist.
Direkt hinter ihrem Einkauf lege ich meine Sachen aufs Band. Sehr ordentlich hat sie zuckerfreies Kaugummi, Buttermilch und zuckerfreie Bonbons auf das Band gelegt. 

Ich stehe nur einen halben Meter von ihr entfernt. Aber sie grüßt auch bei Lidl nicht, obwohl ich Blickkontakt suche. Stattdessen erwische ich sie dabei, wie sie meinen Einkauf scannt, der einen für uns üblichen Mix aus Gemüse, Joghurt, Schoki, Nudeln, Milch, Dosentomaten enthält. Auch zwei Brötchen, mein Abendessen. Ich fühle mich ertappt. Dieser Einkauf sieht so fürchterlich normal aus. Viel zu normal. Plötzlich bin ich froh, dass es T.s Lieblings-TK-Pizza heute nicht gab, sonst läge auch diese jetzt auf dem Band.

Als sie bezahlt hat und sich zum Gehen umdreht, sehe ich die Sporthose unter ihrem langen Wollmantel hervorgucken. Und die Turnschuhe an ihren Füßen. Offenbar kenne ich nur einen Teil ihrer täglichen Sportroutine.

Als ich im Auto sitze, habe ich plötzlich so großen Hunger, dass ich (leicht illegal) vor unserem Haus parke, statt einen Parkplatz zu suchen. Noch in Jacke belege ich die erste Hälfte meines Brötchens. 







 

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