Donnerstag, 16. November 2017

Der Kurs

Den Titel flüsterte mir gerade unbeabsichtigt der Liebste ein. Als wir uns über unseren Tag (naja, eigtl. über die letzten drei Tage) austauschten, an denen wir uns so gut wie gar nicht gesehen hatten, meinte er, dass meine Erzählungen schwer an die genannte Stromberg-Folge erinnerten. Ich weiß nicht, ob ich die Folge schon mal gesehen haben. Bei UNS jedenfalls lief das heute so ab.

Die Teilnehmer des dreitägigen Lean-Trainings waren sich einigermaßen bewusst darüber, dass es am Ende einen Test geben würde. Das war  beim ersten Mal schon so, und der deutlich umfangreichere Aufbaukurs würde ohne wohl auch nicht auskommen. Sobald es um Tests geht, kann man - selbst in einer relativ homogenen Gruppe von Ingenieuren und Wissenschaftlern - erstaunlich unterschiedliches Verhalten beobachten. Dieses Verhalten ist meistens eng gekoppelt mit dem Auftreten im Unterricht, sei es nun ein berufliches Training, die Schule oder der Kindergarten.

Es gibt immer den Verpeilten. Die Unterlagen vom letzten Mal? Ach die sind auch für den Test relevant? Hat er nicht mehr. Ein Kaffee ist drüber geflossen, in der Bahn vergessen, oder einfach ohne Angabe von Gründen nie wieder gesehen. Leiht man dem Verpeilten die eigenen Unterlagen zum Anfertigen einer Kopie, muss man damit rechnen, dass diese ebenfalls im Nirvana verschwinden.  Der Test wird dennoch im guten Mittelfeld bestanden. Zu viele Menschen mögen den Verpeilten, da der zu seinen Schwächen steht. Ihn lässt man sehr gern abschreiben, impft ihm vor der Prüfung in Stichworten die wichtigsten Basics ein, und außerdem hat er meistens so originelle Ideen, dass diese dazu beitragen, akute Wissenslücken kunstvoll und witzig zu überbrücken.

Der Schnorrer ist ein deutlich unangenehmerer Geselle. Der Kurs ist zu uncool, um allzuviel Aufmerksamkeit zu schenken. Wie viele andere wichtige Sachen man doch zu erledigen hätte. Das scheut er sich nicht, lautstark und regelmäßig zu verkünden. Zu Schulzeiten fand man ihn Unterrichtsschwänzend und rauchend auf dem Schulko, heute nutzt er, dass das - gemäß Teamregeln auszuschaltende Handy - klingelt, um mal hier und da eine halbe Stunde den Raum zu verlassen. Wichtig: Beim Zurückkehren, erst NACH Betreten des Raums das Telefonat beenden, damit auch jeder weiß, wer hier wichtig ist. Steht der Test vor der Tür, wird er sich dann doch bewusst, dass ein allzu schlechtes Abschneiden vielleicht doch so keine gute Idee ist. Weil sonst der Anwalts-Papa schimpft, oder heute weil man eben Director ist. Also umgarnt er die Klassenbeste für fünf Minuten, die schon immer mehr (oder weniger) heimlich in den Bad Boy verliebt ist, und schon hat er einen Spickzettel in bester Mädchenhandschrift, den er im schlechtesten Falle sogar als nicht den eigenen ausgeben könnte. Directors fragen einfach ihre Mitarbeiterin, die - wie vor vielen Kunden-Meetings - einen kurzen Rapport abgibt und in 2 Minuten die Fakten darlegt, die es für den Test zu wissen gibt. 

Ja, der Streber. Das bin ich. War ich und bleibe ich. Meine Zusammenfassung, die ich mir heute Früh auf zwei Seiten zusammenschrieb, um in den Kaffeepausen noch mal die wichtigsten Inhalte auf einem Blick überfliegen zu können, gehört zu dem Standardrepertoire seit Schulzeiten. Gelernt habe ich mit immer weiter verdichteten Zusammenfassungen, sodass ich am Morgen jeder Klausur nur noch ein DinA4 Blatt hatte, um die alerletzten Fakten ins Kurzzeitgedächtnis zu hauen. Damit bin ich immer gut klar gekommen.
Auch die Sprüche ändern sich nicht. Ich musste innerlich so grinsen, als einer meiner Kollegen heute Früh mit einem Blick auf meinen Zettel meinte "Du hast nicht ernsthaft eine Zusammenfassung geschrieben". Nur meine Haltung zu dieser Art von Spruch hat sich geändert. War es früher ein verschämtes "aber echt nur ganz schnell was zusammengeschrieben","Ach das ist nur...."...., sagte ich heute mit ziemlicher Überzeugung, dass ich das Gelernte gerne mit in den Arbeitsalltag rüber retten wollte und ich froh bin, dass mir dieses Training ermöglicht wurde. und dann noch "Außerdem ist das hier mein Job und keine Spaßveranstaltung". 
Danach war so was von Ruhe. Und ich war ein wenig stolz auf mich, dass ich so zu mir selber stehen konnte.

Den Test habe ich mit einem anderen Streberkollegen als "Klassenbeste" bestanden.  Und ich fand´s gut. 
Raten Sie mal, von wem nach dieser Verkündung durch den Kursleiter Sprüche kamen? Ja, genau von denen, von denen ich es erwartet habe. 

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