Freitag, 13. Oktober 2017

Meta-Ebene

Spontan fragte ich gestern Morgen per Mail an, ob die Veranstaltung noch einen Platz frei hätte. Innerhalb von Minuten hatte ich die Zusage für einen Vortrag zum Thema "Wie umgehen mit rechten Parolen", der von der Stadt für Ehrenamtler aus verschiedenen Bereichen der Flüchtlingshilfe angeboten wurde.

So fand ich mich abends auf einem Stühlchen im Stuhlkreis eines muffigen Raums in der Volkshochschule wieder. Mit mir ca 30 weitere Personen, meistens Ü60, bis auf zwei drei in meinem Alter. Die erste Folie war schon vor Beginn der Veranstaltung angeschlagen, und nun stand dort " Argumentationstraining gegen Recht" und das Wort "Training" machte mir kurz ein wenig Sorge, ich war k.o. vom Tag, umringt von fremden Menschen und alles was ich nun nicht tun wollte, wären Rollenspiele gewesen. Musste ich zum Glück dann auch nicht.
Der hervorragende und sympathische Trainer machte direkt klar, dass angesichts der Gruppengröße eher nur eine Diskussion und gemeinsames Erarbeiten von Ideen möglich sei. Glück gehabt. Was sich dann aber die nächsten 2,5 Stunden vor meinen Augen abspielte, hätte ich nun nicht erwartet. Los ging´s mit einem Einstieg in die Vollen, einer Provokation durch den Trainer in die Richtung "Alle Grenzen zu und endlich wieder Ruhe im Karton" und dann ging´s los. Natürlich wusste bzw. sollte  jeder der Anwesenden wissen, dass wir hier sind um etwas zu lernen, dass die Situation simuliert wird, um anhand von Beispielen mögliche Reaktionen (und sehr wichtig auch Nicht-Reaktionen) zu besprechen.
Die erste Reaktion kam von dem bei weiten unangenehmsten Teilnehmer (ausgerechnet neben mir sitzend), indem er versuchte, mit Lautstärke und leider auch nur wenig sinnvollen Argumenten ("Das ist ja so ein Quatsch. Man könnte die Grenze doch gar nicht komplett kontrollieren") dagegen anzugehen. Sogleich kam die Replik vom Trainer, noch ein bisschen provokativer als zuvor, noch einfacher und plakativer. So ging es eine Weile Hin und Her. Immer mehr Argumente, häufig vermischt mit irgendwelchen Zahlen. Schwierig mit anzusehen, ein bisschen Fremdschämen, denn anders als der Trainer spielte der Teilnehmer nicht mehr, sondern ereiferte sich mehr und mehr und ....wirkte am Ende populistischer als sein Gegenüber. Andere schalteten sich ein, wollten dem provozierenden Trainer das Wort verbieten, "Boah, ich kann mir das echt nicht länger anhören", bis am Ende ca. 15 Menschen sich eingemischt hatten, drei davon hatten sich erhoben, zwei davon wütend gestikulierend den Finger erhoben.
Wow. Ich würd gerne was anderes erzählen, aber es war dann einer der jüngeren Teilnehmer, der eine andere Herangehensweise ausprobierte und den Trainer fragte "Haben Sie denn Angst? Vor was haben Sie denn Angst? Vielleicht können wir darüber sprechen". Innerlich klatschte ich Beifall, es ist ja nichts Neues, dass Vorurteile allzu oft durch unzureichendes Selbstwertgefühl und Angst bestimmt werden, und so hielt ich das für einen sinnvollen Ansatz. Zumal die anderen nun dazu übergegangen waren, sich untereinander zu streiten.  
Doch auch hier kam von unserem Trainer nicht die erhoffte Reaktion. "Angst? Ich? Wovor soll ich denn Angst haben. Vor DENEN? Lächerlich ist das. LÄCHERLICH". Hm. Jetzt war ich ein bisschen ratlos. Watt will er denn nu? 
Das zog sich so noch eine Weile, bis es dann genug war, und wir anfangen sollten, das ganze auseinander zu nehmen.Natürlich wurde dabei betont: Es gibt kein Patentrezept, jede Situation ist anders, jeder Mensch ist anders, jeder Mensch hat mal mehr mal weniger Kraft, sich auf etwas einzulassen. 
Dennoch konnte ich für mich ein paar wichtige Dinge mitnehmen. Der wichtigste ist leider der frustrierendste. Aber auch so einleuchtend, dass ich ihn nicht leugnen mag.

1) Die allerwenigsten Situationen, in denen rechtspopulistische Meinungen geäußert werden, geben es her, dass man diese Meinungen ändern kann. 

Traurig oder? Und nicht gerade das, was man im Alltag beherzigt. Wie schnell sind wir alle dabei mit "Das kann doch nicht dein Ernst sein. Du musst doch einsehen, dass...." auf Meinungen, die uns nicht gefallen. Man bringt Argumente, im besten Fall belegt durch Beispiele und .... nichts passiert. Wieso ist das so? Es gibt sicherlich noch viele andere Gründe, einer der wichtigsten Gründe ist aber,  dass die Emotionen, die vorherrschen, ein Überdenken der eigenen Meinung schon längst nicht mehr zulassen. Dieses Klima ist meistens schon ab der allerersten Sekunde geschaffen. Sei es eben durch ein abschätziges "Wie bitte?!" oder ein "Das sagt man nicht" oder einen erhobenen Zeigefinger. Plötzlich leuchtete mir sehr gut ein, dass jemand, der Parolen von sich gibt, um sich über andere zu erheben, sich groß zu machen, und sich hinter der angeblich "deutschen Meinung" versteckt, ganz sicher nicht ausgerechnet durch Lächerlich-Machen, Druck, am besten noch vor Zuschauern, von seiner Meinung abrücken wird. Weitere Gründe, wieso das nicht klappen wird, sind, so lapidar es klingt z.B. mangelnde Zeit (Beispiel: jemand hetzt in einem Bus, dass heutzutage ja nur noch "Ausländer" auf der Straße seien"). mangelnde Beziehung zu der Person. Womit wir wieder be der Angst wären. Der Ansatz, nach der Angst zu fragen, war klug. Aber wer lässt sich als 60jähriger Mann gerne von einem viel jüngeren Menschen vor 30 unbekannten Zuschauern nach seinen Ängsten fragen? Genau, keiner. Das hatten wir nicht bedacht. Aber wahr ist es.

2) Was allerdings häufig möglich ist, ist Opferschutz. 

Wird z.B. eine Person im öffentlichen Raum verbal angegriffen, kann es dem Opfer eine große Hilfe sein, sich ihm räumlich zu nähern, sich z.B. im Bus daneben zu stellen. Dabei soll kein Blickkontakt zum Täter aufgenommen werden, erst recht natürlich nicht provoziert werden auf andere Weise. Das ist etwas, was ich als Frau sehr gut schaffen kann, das traue ich mir zu. Ich war froh, über diese Anregung. Gibt es weitere Anwensende, kann mit diesen eine Nähe hergestellt werden, z.B. durch Blickkontakt oder durch einen x-beliebigen Kommentar. Die meisten Menschen befinden sich in solchen Situation in einer Schockstarre, sie wollen aus dieser herausgeholt werden. Und je öfter man Courage bei anderen beobachtet, umso wahrscheinlicher ist es, selber einmal so zu handeln.


3) Stören

Ähnlich verhält es sich mit dem Stören. Das Stören wird ebenfalls angewendet, wenn Argumentation von vornherein nicht sinnvoll erscheint. Besonders bei Stammtisch-Parolen kann man hier versuchen, das Gespräch wegzulenken, um dem Redenden möglichst wenig Publikum zu geben. Auch durch entsprechende Körperhaltung oder ruhiges aber bestimmtes Abwürgen kann das erreicht werden ("Nu komm, das hast du doch erst letzte Woche erzählt"). In Anbetracht des Publikums würde hier ein Diskussionsversuch scheitern (siehe 1), das heißt aber in dem Fall, da es sich vermutlich um Bekannte handelt, nicht, dass man nicht im Nachhinein das Vier-Augen-Gespräch suchen kann.

4) Ein solches Gespräch kann nur funktionieren, wenn man sich auf den anderen einlässt.  

Es klingt für mich sehr schwierig, aber die These muss sein: Der andere sieht seine Welt, wie er sie nun mal sieht. Das ist seine Realität und er hat ein Recht auf seine eigene Realität. Erst wenn man das verstanden hat, kann ein Diskurs entstehen. Als Einstieg müssen Minimal-Konsense gesucht werden (gestern hatten wir in einer Beispielsituation den Konsens, dass Zuwanderer früher oder später Deutsch lernen sollten, um sich bestmöglich integrieren zu können). Einen Pflock einschlagen also, und dann dran bleiben....Fragen stellen, um die Realität des anderen zu verstehen. Wer fragt, führt.


Ein paar schöne Ansätze, aber auch vieles, was demotivierend erscheint, oder? Nein, ein Patentrezept gibt es nicht...
Aber die gestrige Veranstaltung hat uns, die wir von uns denken, dass unsere Meinung ja wohl wirklich nur die richtige sein kann, einen Spiegel vorgehalten. Manche Teilnehmer haben diesen Spiegel bis zuletzt nicht gesehen, egal wie oft der Trainer es versucht hat. Erstaunlich viele Menschen waren auch nicht in der Lage, auf der Metaebene zu diskutieren. Selbstverständlich war das gestern kein Veranstaltung, um die besten Argumente auszutauschen, wieso es so toll ist, dass wir viele junge Menschen aus vielen Ländern aufnehmen. Das hatten bis zuletzt viele nicht verstanden und knallten dem Trainer Argumente an den Kopf ("Aber diese Studie sagt dass....") Nein, es sollte ÜBER das Argumentieren gesprochen werden. Und wir wurden implizit aufgefordert, unsere eigene Haltung zu hinterfragen. Der Trainer tat was er konnte, aber bei manchen scheiterte auch er. Die Dame, die früher den Bus nehmen musste, und unbedingt noch etwas loswerden wollte, verschlug dann auch ihm für ein paar Minuten die Stimme.
 "Bei mir im Dorf, das sind ALLES Nazis. ALLE. Mit denen kann man doch nicht reden."

Damit fasste sie für alle eindrucksvoll noch einmal die Definition von Populismus zusammen. 
 





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