Dienstag, 12. September 2017

Cold Turkey

Der Titel kam mir heute während eines Trainings auf der Arbeit in den Kopf. Lean Management: Ganz vorne steht da der Leitsatz: "Get rid of waste", wobei waste hier alles bezeichnet, was dem Produkt keinen Wert hinzufügt. Also wenn man mal ehrlich ist so ziemlich.... Alles. In Zahlen: über 99% der Tätigkeiten, wobei natürlich ein Großteil der Tätigkeiten trotzdem notwendig ist (Klo-Putzen oder Mülleimer-Leeren fällt mir da gerade z.B. ein. Wenn dem Kunden auf der Rechnung diese Posten ausgewiesen würden, würde man sicherlich nicht auf Verständnis stoßen. Aber jeder weiß halt, dass diese Kosten sich irgendwo niederschlagen müssen). Eine besonders üble Form das waste jedoch sind inventories. Alles, was auf Lager liegt, bedingt nämlich weitere Arten des waste, z.B. Transport, Bewegung von Menschen, Wartezeiten durch Suchen, und und und. Das klingt alles in der schönen bunten Power-Point-Theorie sehr, sehr logisch und schlüssig. Der erfahrene Trainer, der auch eben Kaizen-Projekte begleitet und umsetzt, weiß aber auch, wie es mit der Praxis aussieht. Da sehr häufig das Vertrauen in die eigenen Prozesse fehlt, rechtzeitig eine ausreichende Menge an Gutteilen ausbringen zu können und die Liefertermine einhalten zu können, wird lieber ein möglichst großer Bestand aufgebaut. Den Weg, sich von der Gewohnheit der Überproduktion und Lagerhaltung zu befreien, vergleicht er mit "Cold Turkey". Schon so manchen Produktionsleiter habe er gesehen, der - nach Durchführung einer solchen Umstellung - doch wieder heimlich und inoffiziell neue Lager aufgebaut hatte. 

Auf Cold Turkey fühlte ich mich heute auch den ganzen Tag. Nicht nur, dass ich heute den ganzen Tag zwecks Schulung auf meinem Pöppes sitzen musste, statt an meinem Stehtisch arbeite zu können, nein: Ich hatte heute morgen auch die Vernunft Oberhand gewinnen lassen, und mich gegen Laufband/Fitnessstudio entschieden. Schon gestern Abend merkte ich ein Kratzen im Hals und die ganze Nacht über wachte ich immer wieder schwitzend oder frierend auf. 
Es gab Zeiten, da hätte ich nicht einmal darüber nachgedacht, bei derartig schmaler Symptomatik auf das Laufen zu verzichten. Also wirklich eigentlich ein Fortschritt. Schön war´s trotzdem nicht. Ich möchte nicht wissen, wie ein echter Cold Turkey, also einer nach einer Drogensucht, aussieht. Bei mir verursachen zwei Tage hintereinander ohne Laufen jedenfalls immer noch das Gefühl absoluter Nichtsnutzigkeit, Faulheit, Stress und ganz zu schweigen von den Gedanken "Wie und was soll ich denn dann heute essen". Im Zusammenhang mit der Schulung und gemeinsamen Mittagessen heute nicht die besten Voraussetzungen für den Tag. Den Vormittag über hampelte ich auf meinem Stuhl ziemlich rum. In der Mittagspause verwickelte mich dann noch ein Kollege, mit dem ich sonst wenig Kontakt habe, ausgerechnet in ein Gespräch über das Laufen, da ich bei uns den Firmenlauf organisiere. Lieb gemeint, netter Kollege, aber heute nicht mein Thema. Danke. Ich muss weg. 
Erstaunlicherweise wurde es nach dem Mittagessen dann aber besser und jetzt, gegen Abend, mampfe ich trotz allem meine heißgeliebten Milch-Freunde von Lidl, gleich chille ich mich auf die Couch und gönne meinem Körper auch morgen noch eine Sportpause.

Lauwarmer Turkey nur noch!



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen