Mittwoch, 30. August 2017

Alt.

Mein Chef fragte mich nach meinem Geburtstag, ob ich nun eine Sinnkrise hätte, so mit dreißig. Vermutlich fragte er das, weil er zwei Wochen zuvor fünfzig geworden war. Als Wendepunkt hat sich mir der runde Geburtstag nun noch nicht präsentiert.
(Ehrlich gesagt ist mir vieles aus der Kindheit noch so präsent... Neulich überlegte ich kurz, welchen Tag haben wir heute, und dann zündeten plötzlich irgendwelche sehr sehr alten Synapsen in meinem Kopf, denn der nächste Gedanke war: Ah, Donnerstag, heute ist die neue Micky Maus in der Post. Kurzes Innehalten und Kopfschütteln. Bitte glauben Sie mir, dass die Micky Maus zu meinen Abonemments gehörte, ist wirklich schon 20 Jahre her. Also, das Gehirn ist eine wirklich spannende Sache.)
Wieso ich drauf komme... wir haben heute Konzertkarten für die Toten Hosen gekauft. Nach 40 Minuten hatten wir uns durch das Stop und Go des Servers gekämpft, parallel telefonierend, da der Liebste noch im Büro war. Und zum ersten Mal werde ich ein Konzert besuchen, indem ich auf einem Sitzplatz sitze. Ich bin mir sehr sicher, dass es mir im Stehraum bei einem Konzert dieser Art gruseln würde. In Menschenmaassen, die sich unkontrolliert bewegen, fühle ich mich SEHR unwohl. Zu stehen, wenn dagegen alle nur auf ihrem halben Quadratmeter rumschunkeln, damit habe ich gar kein Problem. Erstaunlicherweise unterscheiden sich auch die Preise nicht zwischen den Steh- und Sitzplätzen. Also, was soll der Geiz.
Ich freu mich. 

Nun, und weil ich so alt und weise inkonsequent bin, habe ich nun doch noch meine Mutter getroffen. Die Überlegung war letztendlich diese:Ich bin nun so gefestigt, meine Erwartungshaltung so auf Null herabgefahren, dass ich mir dieses Treffen nun doch leisten könnte und auf diese Weise dauerhaftes Grübeln ersparen würde "hätte ich nicht doch, was ist wenn was passiert, vielleicht ginge es mir besser, wenn..."
Nun. Sie kam auf einen Kaffee und blieb für einen Kaffee. Keine großen Überraschungen, muss ich sagen. Ein Gespräch kam durchaus zu stande, dafür ist es einfach zu normal, der Mutter gegenüber zu sitzen. Jedoch waren die Entschuldigungen recht knapp, und meine Bereitschaft, Entschuldigungen anzunehmen, nun endlich restlos erschöpft. Das habe ich gemerkt. Ich bin so müde und spüre weder dieses Gefühl "Oh, jetzt wird alles gut", wie so viele male zuvor, noch Angst bei dem Gedanken, dass diese Frau wohl nie mehr eine Stütze in meinem Leben sein wird. Sie denkt jetzt, ich bin ihr unendlich dankbar, dass sie bei 4 Terminen, die ich ihr für ein Treffen angeboten habe, den fünften 😉 wählte, für den sie ein Freundinnentreffen um ein paar Stunden verschob, während ICH einen Termin absagen musste. Ach, aber who cares... Ich bin zu alt für den Scheiß! 


Freitag, 25. August 2017

Settimana - aber subito KW34/2017

Während der Montag gut gefüllt war, verlief der Rest der Woche einigermaßen ruhig. Also naja, fast. Ich hatte wirklich Glück im Unglück. Nicht einmal Bearbeitungsgebühr kostete mich mein kleiner "Knutscher".

Zu denken gab mir außerdem eine Information, die ich letzte Woche bekam:
Roza ist schwanger. Und ja, ich freue mich für sie. Sie ist seit gut einem Jahr verheiratet, ihren Mann mag ich, sie mag ich, sie haben eine hübsche Wohnung und Familie in der Region. Wieso sollte ich mich da auch nicht freuen. Sowieso kann ich mir heute nicht mehr erklären, wie ich einst dachte: Kinderkriegen - dafür gibt es immer den richtigen Zeitpunkt. Und gemeinsam mit meinen Schulfreundinnen malte ich mir aus, was alles der falsche Zeitpunkt dafür wäre. Jetzt bin ich 30 und die Erfahrungen im Freundeskreis, in der Familie und auch mein Gefühl sagen mir: Es gibt nie den richtigen Zeitpunkt, und gäbe es den richtigen Zeitpunkt ist es eben leider nicht so, dass man einfach einen Knopf drücken müsste wie am Brotbackautomat bei Aldi. Jede Schwangerschaft sehe ich heute als Geschenk und Möglichkeit an, aus einem Leben noch etwas ganz anderes zu machen. Und nein - damit spreche ich mich so gar nicht gegen Abtreibungen aus, sondern im Gegenteil: Für die Entscheidungsfreiheit.
Zurück zu Roza. Trotz all meiner Freude und Zuneigung für sie, fällt es mir schwer, nicht automatisch zu denken: Mist, das war´s jetzt mit der Schule. Gerade nämlich erst hat sie ihr Prüfungsergebnis erfahren und sie hat B1 nicht bestanden. Ich habe es erwartet, sie auch, ihr Mann ebenfalls. Und gemeinsam hatten wir bereits geklärt, dass sie im Anschluss einen Antrag an das BAMF auf 300 Wiederholerstunden stellen würde. Das wird in der Regel genehmigt und somit hätte sie neben der täglichen Schule auch weiterhin das "Recht" auf mich als ehrenamtliche Unterstützung. Als ich sie letzten Freitag zu ihrem Geburtstag besuchte, versicherte Roza mir, auf jeden Fall den Wiederholerkurs machen zu wollen trotz Schwangerschaft. Leider bin ich mir ihrer Motivation nicht ganz sicher- den bzgl. Integration verpflichtenden Teil hat sie immerhin erledigt, auch wenn sie die Prüfung nicht geschafft hat. Und selbst wenn sie sich aufraffen würde, besteht zusätzlich das Problem, dass nicht jederzeit so ein Wiederholerkurs frei ist. Und ich kann mir vorstellen, dass die Herausforderung umso größer wird wie Roza, je weiter ihre Schwangerschaft voranschreitet. Diese Woche habe ich angefangen, mich da rein zu knien. Und direkt mal den ersten Dämpfer bekommen: In der bisherige Schule wird es vorers keine solche Kurse mehr geben. Somit muss sie also eine andere Schule besuchen, was alles noch ein bisschen schwieriger macht. Ich bleibe dran und hoffe, Roza ebenfalls. 
Aber...ein Baby ....aaaaw! 😍 Ich freu mich echt. 



 

Dienstag, 22. August 2017

30

Ja ich bin jetzt auch dreißig. Es ist doch witzig, wie viel Wert viele Menschen auf diese runde Zahl legen. Mich persönlich hat es in der Überlegung, wie ich meinen Geburtstag verbringe, wenig bis gar nicht beeinflusst. Zunächst wollte ich einfach absolut rein gar nichts machen. Mit der Familie ist es nun einmal schwierig. Und obwohl es keinen offenen Konflikt mit meiner Schwester gibt, ist mir das im Moment einfach alles zu heiß und aufgeladen und ich hab einfach keine Lust. So lud ich auch meinen Bruder und seine Familie nicht ein, sondern fragte lediglich meine Schwiegermutter, ob sie Lust hätte auf ein Käffchen vorbei zu kommen. Selbst T.s Bruder hatte eine Verpflichtung bei einem Umzug und so hatten wir relativ viel Kuchen für uns drei und die Kollegen am Montag auch noch was davon. 
Ehrlich gesagt war der Tag mäßig, obwohl T. mich nach meiner Laufrunde mit einem schönen Geburtstagstisch erwartete, obwohl sehr sehr viele Menschen an mich gedacht haben, zum Teil Päckchen geschickt haben und T. sich bemühte, jede entstehende Lücke zu schließen. Zusammenfassend muss ich aber sagen: Ein Geburtstag, an dem die Mutter nicht anwesend und 10.000km entfernt ist, ist einfacher als ein Geburtstag, an dem die Mutter nur 100km entfernt ist und trotzdem nicht da. Irgendwann als der Kaffee leer, der Kuchen angeschnitten und nicht mehr ganz so hübsch war, und T.s Mutter eine etwas unbedarfte Bemerkung machte, dass sie T. als Mutter natürlich seinen Anzug für die Hochzeit schenken wolle, war es dann kurz überkritisch und ich musste mal kurz auf Toilette. Nicht nur wegen dem fehlenden Mutter-Tochter-Ding. Auch weil ich mit dem Thema Brautkleid, quasi dem Anzug-Pendant, wirklich meine Probleme und insgeheim Angst davor habe, T. mit der Schlichtheit, Einfachheit und dem Anti-Prinzessinen-Stil, die mir so vorschweben, enttäuschen könnte. (Und falls Sie fragen: Ja, jeder Mann sagt, ich würde dich auch heiraten, wenn du einen Kartoffelsack tragen würdest. Und ich habe wirklich keinen Grund, daran zu zweifeln.)
Es flossen ein paar Tränen, aber ich bin froh, gemeinsam mit T. erkannt zu haben, dass eine dann doch emotionalere Situation als gedacht, wie es ein Geburtstag offenbar darstellt, nicht der richtige Zeitpunkt ist, um Spontan-Entscheidungen hinsichtlich Familienzusammenführung zu treffen. Sonntag war ich dann froh drum und mir wieder in meiner eigenen Haut ein bisschen wohler.

Gut eine Woche vor meinem Geburtstag hatte ich mich aber doch noch spontan  entschlossen, ein paar Freunde auf den Montagabend einzuladen. So oft schon haben wir gedacht, dass unsere Premium-Aussicht vom Balkon durchaus ein Grund wäre, mal Leute zum Feuerwerk-Gucken einzuladen und so bot sich das zwei Tage nach meinem Geburtstag wirklich an. Nur am Rande: für mich ist das Feuerwerk ja schlicht und einfach die Entschädigung der Anwohner für die vorangegangene Kirmes mit Lärm, Parkplatz-Not und Menschen mit Gruselfaktor auch außerhalb der Geisterbahn. 
Naja. Kurz nachdem ich die Einladung ausgesprochen hatte, kündigte sich mein Projektpartner an ("Bitte nennen Sie uns passende Termine in KW 34-36",- Gerne machen wir. - "Ja eigtl. geht bei uns nur der 21.8." äähm das hätten wir auch einfacher haben können). Da der Termin aber um 10 uhr beginnen sollte, sah ich dem ganzen positiv entgegen und war mir sicher, dann nach dem Mittag nach Hause gehen zu können, um den Abend weiter votbereiten zu können. Freitag aber wurde dann ganz spontan und ohne Rückfrage, ob das in Ordnung wäre, der Zeitplan gekippt. Meine Besprechung würde erst am Nachmittag stattfinden und ...."hey wir haben nach hinten raus alle Zeit der Welt".  Geil. Weniger als Zeitdruck kann ich unkalkulierbaren Zeitdruck leiden und so bereitete ich alles für den worst case vor. Alle Häppchen wurden Sonntag vorbereitet, die Wohnung auf Hochglanz gebracht und das Bier kalt gestellt, sodass ich im Notfall nur noch den Backofen an und mich unter die Dusche hätte stellen müssen, um die Gäste zu empfangen. 
Lief dann viel cremiger als gedacht. Um 15 Uhr war ich mit dem Meeting durch. Ganz unauffällig hatte ich vorgeschlagen, die gelieferten Schnittchen doch einfach nebenbei zu essen (Aber: Nehmen Sie dann KEIN Mohnbrötchen. KEIN Mohnbrötchen sage ich Ihnen. Sie werden den Rest der Besprechung nicht mehr froh) und auch sonst war ich ... mh...ich glaube effizient. Unser  Geschäftsführer sprach mir heute über meinen Chef als Sprachrohr für das Meeting das dickste Lob aus, das ich bisher gehört habe, und manchmal frage ich mich echt, warum ich nicht EINFACH mal anfange, alles etwas lockerer zu sehen. Denn offenbar hätte es drei Tage Sorgen wegen "Wie krieg ich alles geregelt" nicht gebraucht.
Die Feier gestern Abend war nämlich dann auch einfach wunderschön. Ich hatte die liebsten Freunde um mich, bekam die grandiosesten Geschenke (Ein Sortiment an exquisiten Kaffeebohnen, Tabu XXL, ein riesen Set um selber Brot zu backen inkl. Pizzastein)  sowie eine Tarte au Citron, die so genial war, dass ich vor dem Schlafengehen NOCH ein Stück essen musste/wollte/konnte. Alle Gäste wurden von unseren Häppchen satt, das Bier reichte, die Frisur saß und das Feuerwerk war dann für unsere Gäste eine tolle Überraschung.









Freitag, 18. August 2017

Talk to me!

Ich habe bei Roza ihren Cousin kennen gelernt. Und jetzt ein Loch im Bauch. 

Was arbeitest du, wie lange am Tag, oh du hast ein Auto, welches, was mache ich, wenn ich in der Uni den Professor nicht verstehe, was macht dein Freund, glaubst du Pharmazie ist gut zum Studieren, wo kann ich arbeiten außer in der Apotheke, glaubst du meine Noten reichen, was machst du nach der Arbeit, welchen Sport, wie heißt dein Freund....

Ich spreche gerne mit dir, sagt er, als ich mich verabschiede. Ich würde so gerne viel mehr mit Deutschen sprechen, aber ich habe das Gefühl, die Menschen auf der Straße mögen es nicht, wenn ich sie anspreche. Ich habe es ein paar mal probiert, aber manchmal glaube ich, sie haben Angst vor mir?

Mir fällt es sehr schwer, darauf eine Antwort zu finden. Und nach dem lockeren Schwätzen zuvor ist meine Pause nun viel zu lang. 
Bitte versuche es weiter, beschwöre ich ihn. Auch wir Deutschen können uns ändern. 

Also. Wenn Sie auf der Straße ein netter junger syrischer Mann anspricht, einfach so weil er einen Gedanken teilen will oder Sie auf einen besonders schönen Himmel aufmerksam machen will, geben Sie ihm eine Chance. Zeigen Sie ihm, dass die Offenheit gegenüber Menschen, die er in seiner Heimat gelernt hat, hier willkommen ist. So wie er.



Donnerstag, 17. August 2017

Things that make you go "hmmmm" (3)

Und dann sagt meine Schwester doch tatsächlich "Ich kann Mama ja mal fragen, ob sie dich sehen möchte", und ich bin nur noch so müde, ihr erklären zu wollen:

Ich warte nicht mehr. Nicht auf die Beantwortung von E-Mails, nicht auf Anrufe. Nicht darauf, dass sie vor meiner Tür steht. Nicht einmal jetzt, da uns statt 10.000km nur 100km trennen, gerade eine Zugfahrt, sogar ohne Umsteigen. Ich erwarte nicht mehr, dass sie die Menschen kennt, die ich liebe. Erst recht nicht, dass sie sie mit Respekt statt Neid behandelt. Ich erwarte nicht mehr, dass meine Worte zu verstehen versucht werden statt verdreht zu werden. Denn es hat keine Worte mehr.
Ich erwarte keine Entschuldigungen mehr, schon gar nicht mehr echte. Ich warte nicht auf Liebe, nicht auf Erklärungen, nicht auf Bestätigung, dass ich ok bin. Ich warte nicht mehr auf die Wandlung eines waswärewenn in ein soisses.
Ich erwarte keinen gemeinsamen Frieden, aber auch nicht mehr  
j e d e r z e i t die Eskalation. 


Ich gewöhne mir das Warten einfach ab. Das Warten und Erwarten. Entwöhnung ist Arbeit, das weiß jeder, der vielleicht das Rauchen jemals aufgab, die tägliche Chips-Tüte von seinem Arzt verboten bekam, oder endlich nicht mehr an den Fingernägeln kauen will. Und erst recht, wenn das zu Entwöhnende die Hoffnung ist? Die kann man im Supermarkt nicht einfach meiden. Egal welche Motivation den Antrieb darstellt: Das für so lange Zeit Gewohnte hinterlässt eine Lücke, die gefüllt werden muss. Zwanghaft entzogen von außen aber zu spät bemerkt bleibt viel Platz für ungesunde Coping-Mechanismen.
Aber langsam, bewusst und aktiv bis zu voller Größe aufgedehnt, füllt sich die enstandene Lücke fast wie von allein mit ganz viel Leben.

Mittwoch, 16. August 2017

Moselradweg - rückblickend

Auf die Gefahr hin, dass ich mit dem Vergleich einen Shitstorm aller gebärt habenden Mütter ernte, aber: ich stelle mir das mit der Geburt so ähnlich vor wie bei einer sehr, sehr starken körperlichen Beanspruchung: Im Nachhinein ist alles rosig und schön und wunderbar und jede Qual vergessen. 
Wer sich also durch meinen Bericht oder die Fotos angeregt fühlt, diese Tour ebenfalls in Angriff zu nehmen, der sei gewarnt: Jegliche Schilderung unterliegt dem Einfluss der After-Sport-Euphorie von drei Tagen sowie der Tatsache, dass der heute wieder eingekehrte Büro-Alltag reichlich schlecht abschneidet im Vergleich zum Dauerradeln. Gleichzeitig aber kann ich nur sagen: Machen!! Das Gefühl, gemeinsam als Paar und mit dem Rad eine richtig große Distanz hinter sich zu bringen (und zwar von A nach B statt im Kreis) sowie dabei die meiste Zeit eine wunderbare Landschaft um sich herum zu haben, sollte man erlebt haben. 

Aber von Anfang. 
Nach 963 Tagen Wartezeit löste ich endlich ein Weihnachtsgeschenk des Liebsten ein. Im Nachhinein war es vielleicht gar nicht so verkehrt, dass wir die Tour sowohl 2015, als auch 2016 wegen Wetter schon einmal canceln mussten (zum Glück hatten wir bei den Hotels immer auf kostenlose Storno geachtet) denn körperlich wäre die Tour 2015 wohl für mich eher lebensgefährlich, und auch 2016 noch grenzwertig gewesen. 

Dieses Wochenende passte dann alles. Hatte es bis Samstagabend in Aachen noch Bindfäden geregnet, sah es Sonntagmorgen, als wir um 7.30 Uhr im Auto saßen, schon viel besser aus. Auch die Fahrräder passten in unseren Fuzzi, was wir noch am Samstag ausprobiert hatten (Plan B wäre komplett Zugfahren gewesen). So kamen wir also - bestens vorbereitet mit einer mehr als spontan ausgeliehenen Fahrradtasche - gegen 9 Uhr in Koblenz an. Hier parkten wir auf einem Park&Ride-Parkplatz, bauten die Räder zusammen, testeten noch mal die Bremsen und fuhren dann die ersten 3 Kilometer bis zum Hauptbahnhof. Ich weiß, das sagt jeder: Aber wenn ICH mal Bahn fahre.... dann schleppen wir unsere Räder auf den vorgesehenen Bahnsteig, um dann eine Minute vor der Einfahrt des Zuges durch die nette Lautsprecheransage hingewiesen zu werden, dass der Zug heute von einem anderen Bahnsteig verkehre. Also alles wieder runtergeschleppt, und am anderen Bahnsteig wieder hoch. Juhu. Beinahe pünktlich kamen wir dann tatsächlich los, und eine gute Stunde später waren wir in Trier. Ab hier nur noch per Muskelkraft. Das obligatorische Selfie an der Porta Nigra ließen wir uns natürlich nicht nehmen, ehe wir uns dann dem vom Garmin vorgegebenen Pfad zuwandten.



Nach wenigen  eher unangenehmen Kilometern durch die Stadt, ein Industriegebiet und ein Waldstück lag sie dann vor uns: Die Mosel. 
Relativ schnell bemerkte ich, dass die Ankündigung des Liebsten "Das geht die ganze Zeit bergab" n meinem Kopf anders ausgesehen hatte, als es die Wirklichkeit dann hergab. Die meiste Zeit ist die Strecke tatsächlich sehr flach, aber ohne Treten geht es kaum einen Meter voran (außer man hat eben vorher mal einen kleinen Hubbel erklommen, den man dann herabsausen kann). Insgesamt also eine stetige, aber gerade gut erträgliche Belastung. Im Laufe des Tages gestand der Liebste mir, dass "bergab" sagenhafte 50m auf 200km Mosellauf bedeutet.... naja, ich hatte  halt nie weiter nachgefragt - selbst schuld ;-)

Rückblickend hat mir dieses erste Stück Mosel, kurz hinter Schweich, am besten gefallen. Viele kleine Dörflein, viel Wein, den man quasi testen könnte, wenn man die Hand danach ausstreckte, kaum mal Passagen nah an einer Straße, sondern immer nah am Fluss. Irgendwann suchten wir uns eine hübsche Bank, inmitten von Weinreben, mampften unsere Brötchen und erholten uns ein wenig. Nach ca. 40km gab es dann bei mir eine leichte Unterzuckerungs-Unlust, sodass mir ein Cappuccino spendiert wurde, der netterweise noch mit einem gratis Mini-Stückchen Käsekuchen daher kam.



Die letzten 25km bis Bernkastel-Kues schwebte ich quasi dahin, denn den schmerzenden Popo hatte ich zu dem Zeitpunkt schon längst ausgeblendet. 
Bernkastel Kues. Ja. Das ist hübsch. So hübsch, dass es von Touristenmassen überschwemmt ist. Unser zentral gelegenes Hotel Burgblick war jedoch absolut empfehlenswert. Wir hatten einen netten Empfang, ein schönes Zimmer, und: Eine Nespresso-Maschine zur kostenlosen Nutzung auf dem Flur. Läuft. 
Nach einer Dusche und einem Espresso fühlten wir uns dann gestärkt genug, um ein Restaurant aufzusuchen - wir entschieden uns für Christianas Wein Art Hotel, das ein Steak House beherbergt und kamen auf die glorreiche Idee, statt den direkten Weg doch lieber an der Mosel entlang zu gehen. Die 40 Minuten Fußweg hätte ich persönlich jetzt nicht mehr gebraucht nach dem Tag, aber naja man gönnt sich sonst nix... Das Essen war lecker, Ofenkartoffel für mich, Steak für den Liebsten, und sehr gesättigt gingen wir dieses mal auf dem  direkten Weg zurück ins Hotel. 
Noch ein bisschen lesen und beim Einschlafen denke ich, dass es niemanden gibt, mit dem ich lieber auf Reisen bin als T. Und wie  glücklich ich sein kann, dass er mich immer wieder aus meiner Komfort-Zone schubst.

Das Frühstück beginnt ...laut. Im winzigen Frühstücksraum mit ca. 5 Tischen hat sich gerade eine Reisegruppe aus China breit gemacht. Es herrscht Gewusel, Lärm und Unruhe. 
Zum Glück weist uns die Inhaberin einen Tisch im Separee zu, wo es etwas ruhiger ist. Sie entschuldigt sich für den Lärm und fragt nach unseren Wünschen. Kaffee für mich, Rührei für den Liebsten. Derweil suche ich am Buffet Frischkäse, werde zu meinem Entsetzen nicht fündig, und komme so dazu zu überblicken, wie wnderbar das Buffet ist. Es gibt eine tolle Auswahl an Antipasti, selbstgemachte Marmelade, diverse Backwaren, Kuchen, frischen Obstsalat und und und. Ich greife mal zu Schinken, pimpe den auf meinem Körnerbrötchen mit Honig-Dill-Sauce, Tomätchen und Gurke und bin happy. Nur der Kaffee ist Mist, Nespresso war das wohl nicht :-) 
Das 4-Gänge-Früchstück des Liebsten lässt mich befürchten, dass er erst mal zwei Stunden Bettruhe zum Verdauen benötigt, aber tatsächlich kommen wir gg. 9.30 Uhr los. 

Die ersten paar Kilometer tun wirklich weh, am Popo, in den Beinen und Schulter. Dann haben wir uns eingegroovt. Nur die Erkenntnis, dass wir entgegen meiner Erwartung heute nicht 70 sondern 85km fahren müssen, nervt ein wenig...
Heute gibt es wieder viele nette Flecken Deutschland zu bestaunen, ob Weinberge, Wiesen, Flusswindungen, oder aber hübsche Dörfer, in denen die Zeit still gestanden hat. Im Heimatort meines ehemaligen Kollegen, Traben-Trarbach, sende ich ihm einen Gruß. Müsli-Riegel-Pausen-Zeit.

In Enkirch passieren wir die Weingüter zweier Familien von Freunden und legen kurze Zeit später noch einmal eine Pause ein. Für mich gibt es einen leider schlechten Cappu, der Liebste ordert Weinschorle und Heidelbeertorte - die Kombi ist zwar eher ungewöhnlich, aber hey: Einfachzucker und Alkohol. Nur wenige Meter fährt er Schlangenlinie, danach geht´s eigentlich wieder.

Die letzten 25km fahren wir stur durch. Bis dato waren meine längsten Fahrradtouren so 40km. Ich kann nicht fassen, dass wir dann nach 85km in Cochem einlaufen. 
 
Entgegen meiner Vorstellung scheint Cochem nicht viel größer als Bernkastel Kues zu sein. Unser Hotel, auf der anderen Seite der Brücke, ist in einem niedlichen Fachwerkhaus. Wir haben das Zimmer unterm Dach, wo es leider sehr warm ist und ein Wespennest das Lüften behindert. Also schnell geduscht und was zwischen die Kiemen. Wir wählen das best bewertete Restaurant auf tripadvisor, einen Griechen, und mein Antipasti-Teller ist wirklich hervorragend! Meine Knoblauchfahne im Anschluss vermutlich auch ;-)
Trotz sehr weicher Betten schlafen wir beide sehr, sehr gut. 

Zugegeben: Landschaftlich verliert die Strecke an Reiz, je mehr man sich Koblenz nähert. Tag 3 verläuft einen Großteil der Strecke entlang der Bundesstraße. Mit Müh und Not finden wir ein hübsches Plätzchen für unsere (einzige) Pause. 47km heute nur, lächerlich :-) 

Als wir in Koblenz den Park&Ride-Parkplatz erreichen, fängt es an zu regnen...Keine Sekunde zu spät haben wir die Räder auseinander genommen. Im Auto freuen wir uns über die darin gelagerte Flasche Mineralwasser und der liebste tankt noch Kalorien bei Burger King. 
Ich rufe auf zum Nachmachen - auch nach Abzug der Euphorie unterliegenden Übertreibungen!