Freitag, 23. Juni 2017

Zauberhaft

Beerdigungen sind scheiße. Es gibt daran nichts zu drehen. 
Es gibt nur das falsche Wetter für Beerdigungen, egal ob die Sonne scheint, ob 30cm Neuschnee liegen. Es fühlt sich immer falsch an. Selbst wenn es wie aus Kübeln regnet, fühlt man sich veräppelt ob dieses typischen Beerdigungs-Wetters.
Beerdigungen finden auch immer an den falschen Tagen statt, sei es Montag, Freitag oder jeder andere beliebige Tag. Immer denkt man: Wieso steht die Welt nicht still.
Und der Leichenschmaus. Einladung zum Leichenschmaus.- Oh nee. Kein Leichenschmaus?- Oh nee. 
Einen jungen Menschen zu beerdigen, ist besonders tragisch - auch das haben T. und ich in den letzten 8 Jahren schon viel zu oft gemeinsam erlebt. 
Aber auch die Beerdigung eines im hohen Alter von 91 Jahren gestorbenen Opa kann zum Nachdenken anregen. Besonders wenn da noch eine Ehefrau, meine Oma, zurückgelassen wird, die mit ihm 71 Jahre jeden einzelnen Tag verbracht hat. Buchstäblich. Wirklich. Jeden einzelnen Tag. Auch dieses Ehepaar war wie wir mal um die 30 Jahre alt. Auch wenn das unfassbar schwierig vorzustellen ist. Erst vor wenigen Monaten erzählte mir meine Oma, dass sie meinen Opa auf einem Jahrmarkt in Düsseldorf kennen gelernt habe. Ein Eis wurde gemeinsam gegessen, man verlor sich wieder aus den Augen trotz beidseitigem Interesse, und traf sich ein paar Wochen später wieder. Ohne Facebook, ohne Google-Stalking, reiner Zufall.

Sie allein ist nun die, die die Erinnerung an diese Jahre bewahrt. Und es ist für mich unbegreiflich, dass all das verloren sein soll, sobald auch sie entweder ihr Gedächtnis verliert oder aber die Lebenslust. Alle Dramen, alle Feierei, Streiterei, Versöhnungen, Lachattacken, zwei Geburten, die sich in dieser Ehe abgespielt haben, werden dann nicht mehr erinnert. Zeugen, die Phasen der gemeinsamen Zeit beobachtet, mit erlebt und gestaltet haben, mit ihnen geweint, gelacht, getrunken und gegessen haben, gibt es nicht mehr. Die Geschwister sind längst nicht mehr da. Auch alle Bekannten - die Freunde aus dem Kölner Karnevalsverein, der beiden immer so wichtig war, Kollegen, die zu Freunden geworden waren, Nachbarn, mit denen man Jahrzehnte Tür an Tür wohnte - haben längst das Zeitliche gesegnet. Neben uns ist da nur mein wirklich aufopferungsvoller Onkel, der seit Jahren bis an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit für die seelische und körperliche Gesundheit meiner Großeltern sorgte - aber ein Freund, mit dem meine Oma gemeinsame Erinnerungen teilen kann?

Heute nun sind also wir bei ihr -  mal kurz aus dem Leben herausgehüpft, nehmen wir unsere Oma in unsere Mitte und können zumindest an dreißig gemeinsame Jahre zurückdenken. Ich weiß: Die Urlaube im Tessin sind für meine Oma die schönste Erinnerung. Auch wenn mittlerweile alle Urlaube miteinander verschwimmen - der Lago Maggiore ist Thema in beinahe jedem Gespräch, das ich mit meiner Oma führe. Reisen war für sie und meinen Opa der kleine Luxus, den sie sich vom Gehalt und später der Pension leisteten. Der Lago Maggiore findet also auch Eingang in die Rede des Pastors - und dann die Zauberei. Völlig vergessen hatte ich das. Mein akribischer, bürokratischer, bis ins hohe Renten-Alter Akten-ordnende Opa, stolz auf seinen Dienstgrad bei der Bundesbahn, hat gezaubert. Mit großen und kleinen Tricks, mal mit Karten, mal mit Geld, mal mit dem Hut bezauberte er uns Enkelinnen, aber auch Party-Gäste und selbst Fremde, die im Restaurant am Nebentisch saßen.Waren meine Schwester und ich anfangs nur begeistertete Zuschauerinnen, erkannte mein Opa irgendwann, wir seien reif genug, und holte uns auf die dunkle Seite. Bald lehrte er uns den ein oder anderen Trick, den wir dann stolz den Eltern vorführten.

Wie viele Jahre habe ich daran nicht mehr gedacht? Meine Oma aber hat all das erinnert, und ist es nicht zauberhaft, dass es diese Erinnerungen sind, die sie dem Pastor für seine Rede und damit auch uns mit auf den Weg gegeben hat? 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen