Dienstag, 18. April 2017

Das haben wir uns verdient!

In dem Sinn, den ich meine, hat das Wort "verdienen" laut Duden als weitere Bedeutungen 

einer bestimmten Reaktion, Einschätzung o. Ä. wert, würdig sein; einer Sache aufgrund seines Verhaltens zu Recht teilhaftig werden

Wenn man mit offenen Ohren sein Leben lebt, hört man buchstäblich heraus, in wie vielen Köpfen das Wort "verdienen" mit der Nahrungsaufnahme verknüpft ist. Ich reagiere so empfindlich und getriggert auf derartige Äußerungen, dass ich mittlerweile bereits die Situationen antizipieren kann, in denen jemand in meinem Umfeld etwas derartiges sagen könnte, und mich entsprechend wappne. Nach unserer Wanderung am Sonntag wusste ich genau, dass beim Setzen an den Kuchen-Tisch die Bemerkung "Das haben wir uns jetzt aber verdient" fallen würde. Innerlich war ich diesmal also vorbereitet. Mit dem Kuchen hatte ich längst Frieden geschlossen, ich hatte Hunger und freute mich, ihn mit der Familie zu genießen.
Anders sieht es aus, wenn ich nicht nachverfolgen kann, was andere Menschen zu sich nehmen, wie viel Sport sie machen o.ä. und auf ihre Darstellung vertraue (schöner wäre es, mich ließe das kalt, aber das klappt noch nicht!) Trifft man sich abends für ein gemeinsames Essen, und jemand lässt völlig unbedacht, ohne böse Absicht verlauten "Das habe ich mir jetzt aber verdient, ich hatte ja kein Mittagessen/Frühstück/nichts als ein zuckerfreies Kaugummi heute", so benötige ich alles, wirklich alles an aufbringbarer Willenskraft, um meine Gabel nicht aus dem Fenster zu schleudern. In diesen Situationen blitzt dann sofort mein Mittagessen UND mein Frühstück vor meinen inneren Augen auf, und ich bin gut darin, im Umkehrschluss zu folgern: Dann habe ICH mir das wohl nicht verdient. Meistens schaffe ich es dann langsam aber sicher, mich auf mich selber zu konzentrieren. Ich muss mir dann sehr deutlich vor Augen führen, dass jeder Schritt zurück wieder unendlich viel Zeit und Kraft bedeutet, diesen wieder rückgängig zu machen. 

Fragen Sie nicht, wie das in der Fastenzeit ist...die tägliche Konfrontation mit dem Verzicht der anderen. Ein Spaß, sage ich Ihnen! Am liebsten sind mir da die Leute, die über sich selber lachen können. Ich habe zum Beispiel einen Kollegen, der Süßigkeiten fastet. Aber nur auf dem Sofa. Und nur wenn der Fernseher läuft. 😄 

Was mich auch immer wieder erstaunt und hilft, die Trigger-Situationen zu überstehen, ist, dass ich mittlerweile weiß, dass andere Menschen oft so wenig Gewicht auf das Essen legen, dass sie Mahlzeiten einfach vergessen. Als meine Schwiegermutter vor einigen Monaten abends beim Besuch bei uns verlauten ließ, sie habe den ganzen Tag nichts gegessen, bis auf zwei Kaffee mit Milch, stellte sich am Ende heraus, dass sie (T. hatte den Tag mit ihr verbracht!) nicht nur gefrühstückt hatte, sondern auch mittags ein belegtes Brötchen vom Bäcker gegessen hatte. Die wenigsten Menschen stellen absichtlich Lügen über das Essen in den Raum. Die wenigsten haben einen Grund zu so einem Verhalten. Für sie war das einfach "nichts". 

Gegessen und sofort vergessen. Bis ich das selber auch kann, bleibt nur: Trigger erkannt, Trigger gebannt. Meistens. 💪



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