Dienstag, 7. März 2017

Geschichte und Geschichten

In der Hochphase der schulischen Aufklärung über den Nationalsozialismus in der Mittelstufe des Gymasiums wagte ich einst den Vorstoß, meine Großeltern müttterlicherseits nach dem Krieg zu befragen. Ich war neben der oft eher faktenreichen Bildung durch die Schule geprägt durch allerhand tatsachenbasierte Jugendliteratur, die ich - lange bevor man uns den Stoff in der Schule zumutete - schon längst verschlungen hatte. Allem voran natürlich die Biographie der Sophie Scholl, aber auch die sicherlich autobiographisch angehauchten Bücher von Judith Kerr, Klaus Kordon und vielen anderen.
So brannte ich darauf, eine Heldengeschichte in der Familie aufzudecken, und war mir sicher, dass die irgendwo versteckt sein müsse. Ich müsste nur fragen, meinen Großeltern zu verstehen geben, dass ich alt genug sei, um endlich eingeweiht zu werden.

Die Ernüchterung, die ich damals erfahren musste, kann ich auch heute, ca. 15 (?) Jahre später, noch abrufen. Meine Oma fing an zu weinen, sprach "Hitler hat uns unsere Jugend gestohlen", aber dass es "beim Bund Deutscher Mädel doch so nett gewesen sei". Der letzte Satz hat sich bei mir so eingeprägt, dass ich seitem nie nie wieder gefragt habe. Bis letzte Woche. Irgendwie hatte mir die Bemerkung eines Kollegen, dass sein Großvater alles Erlebte zur Zeit in einem Buch festhalte, zu denken gegeben. Vielleicht will ich nicht gerne hören, welche Rolle meine Großeltern damals gespielt haben oder vielmehr nicht gespielt haben - nämlich offensichtlich nicht die des Widerstands. Aber wie viele Gleichaltrige haben noch die Möglichkeit 90-jährige Großeltern zu befragen?

Irgendwie ergab es sich so im Gespräch, dass wir auf meinen Urgroßvater zu sprechen kam, da der - wie der Liebste und ich - ein Ingenieur war. Ich fragte ein bisshen nach dem Stahlwerk, in dem er beschäftigt war, und hieraus ergaben sich dann kleine Geschichten, die ich so noch nie gehört hatte. Das Gedächtnis meiner Oma kramte Daten, Bilder und Gefühle hervor, sodass der Liebste und ich zwei Stunden beinahe nur zuhörten.

Die Bombennacht von 12. Juni 1943. Das war wir für so viele auch die Nacht, in der meine Oma, ihre Mutter und der Vater ihre Wohnung verloren. Sie sicher im Bunker des Stahlwerks nebenan. Alle Arbeiter, nur einen Raum weiter, tot. Die Mutter - wohl herzleidend - stets mit einem nassen Tuch über der Brust. Der Vater, der erst 2 Stunden später in den Bunker kam, zu fasziniert von den Christbäumen, die über die Düsseldorfer Altstadt regneten. Verschüttet, gerettet, unverletzt bis auf eine Schramme am Knie meiner Oma.

Die Suppenküche, deren Ort und Stelle meine Oma noch heute nennen kann, und die daraufhin mehrmals täglich Anlaufpunkt war.

Das Sammeln von Bombensplittern, das den Kindern als das einzige Vergnügen blieb. Meine Oma streicht über den Tisch, als könne sie das Samt-Säckchen, in dem sie die Splitter bewahrte, jetzt noch fühlen.

Dann kam der Hunger. Die Kinder und Jugendlichen gingen Kohlen-Klauen. "Du bist in fremde Keller gegangen, um Kohlen zu stehlen? " - "Nein, nicht gestohlen haben wir. Geklaut". Die Unterscheidung ist meiner Oma sehr wichtig, und ich akzeptiere das. Alle zweit Tage bildeten sich Zweierpärchen, meist ein Junge und ein Mädchen. Durch einen Güterbahnhof zockelten die kohlebeladenen Züge im Schritttempo. Warum so langsam? Das weiß meine Oma nicht mehr zu sagen. Ob es technisch wirklich notwendig war, oder aber eine Geste der Nächstenliebe? Jedenfalls kletterten die Jungs auf den fahrenden Zug, schaufelten Kohlen herunter, die Mädchen sammelten sie derweil ein. Dann sprang der Junge ab. Die gemeinsam erwirtschafteten Kohlen wurden zwischen dem Pärchen geteilt und versorgten beider Familien für ein, zwei Tage mit ein wenig Wärme.

Meine Oma ist eine Künsterin. Nicht berühmt oder so. Aber eine so talentierte und leidenschaftliche Malerin, dass sie auch heute noch mit wenigen Prozent Sehkraft in den Malkreis ihrer Wohnanlage geht. Schon als Kind konnte sie gut malen, das Talent kam von ihrem Vater. Um ein wenig Geld nebenher zu verdienen, holte mein Urgroßvater gläserne Teelichthalter herbei. Einen ganzen ledernen Koffer voll davon brachte er eines Abends mit nach Hause. "U., wollen wir uns ein bisschen Geld verdienen?" So bemalten die beiden die Lichter mit Blumenmotiven, Mustern, Ranken und verkauften sie weiter an einen Laden. Bei ihrem letzten Besuch in Düsseldorf vor einigen Jahren, so erzählt meine Oma, war sie zufällig in jener Straße. Der Laden existierte noch immer als Lampen- und Deko-Geschäft. Für mich grenzt es an ein Wunder, dass in Hungerzeiten Bedarf an schmucken Teelichthaltern war. Wohl für ein bisschen Licht in einer furchtbaren Zeit.

"Wo habt ihr gelebt, nachdem ihr ausgebombt wart?". Meine Oma zögert. Uns wurde diese Wohnung zugeteilt. Vollständig eingerichtet. Die Schränke noch voll, die Betten bezogen.
Ein Jude habe da wohl gelebt, ein Arzt. 

Mein Opa, an Demenz erkrankt und bisher ohne Beitrag, fängt an zu gibbeln. Er ist bei einer der Geschichten hängen geblieben:  "U., so was. Die Bombensplitter haben wir auch gesammelt." 

70 Jahre sind sie bald verheiratet. 



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