Freitag, 17. Februar 2017

Freitag 17. Februar 2017

Das ging jetzt schnell. Heute haben wir uns kennen gelernt. Irgendwann im Weihnachtsurlaub habe ich diese kurze E-Mail geschrieben und mein Interesse bekundet, Flüchtlingen Deutschunterricht zu geben. Fast hatte ich diese E-Mail dann wieder vergessen, erst nach Weihnachten kam die Antwort und damit verbunden die Einladung zu einem Kennenlernen mit der Leiterin des Ehrenamtprojekts.  Ich hab schon so viele Rückzieher gemacht in den letzten Jahren. Von Einladungen, Verabredungen, kulturellen Veranstaltungen, die mich erst irre interessiert haben und für die dann doch keine Kraft war.  So bin ich selber erstaunt, dass ich hingegangen bin. Und erst recht, dass ich nun echt in diesem Projekt bin.

Du und ich sollen jetzt ein Team werden. Ich will dich beim Deutschlernen unterstützen, indem ich vor allem mit dir rede. Auch wenn du jeden Tag Deutschunterricht von ausgebildeten Lehrern erhältst, im Integrationskurs. Da kommen natürlich sofort die Zweifel auf: Was kann ich da noch beitragen, ein, zwei Stunden pro Woche. Ingenieurin. Ohne pädagogische Ausbildung. Ich weiß, dass ich einigermaßen gut Deutsch kann. Ich kann “geradeaus reden”, was die Leiterin des Projekts als einzige Voraussetzung nennt, und kann auch über Systematik und Grammatik sprechen. Aber ob das reicht? Wörter sind ja nicht alles. Wir müssen erst mal Themen finden. Nein, ICH muss Themen finden. Ich gehe davon aus, dass du nur reagieren wirst, und nicht aktiv unser Gespräch steuern wirst. Wenn ich mir vorstelle, dass du erst seit 4 Monaten deutsch lernst (wenn ich das richtig verstanden habe), kommt mir das ganze wie eine viel zu große Aufgabe vor, die ich mir da gesucht habe. Über was reden wir? Wenn ich jemanden kennen lerne, gibt es meist eine Gemeinsamkeit: Gemeinsame Freunde, die Arbeit, Sport. Da bin sogar ich im Stande, ein wenig mit Fremden Menschen zu rede, ehe man sich vielleicht der Situation wieder entziehen kann. Was aber haben wir gemeinsam? Wir wurden zusammen gewürfelt. Auf der einen Seite du: Du hast ein paar Probleme im normalen Unterricht, sagst nicht gerne was. Deine Lehrerin hat dich daraufhin vorgeschlagen für dieses Projekt. Auf der anderen Seite ich: motiviert für dieses Projekt durch … was eigentlich? Am ehesten durch den Wunsch, mich selbst wieder nützlich zu fühlen. Natürlich auch die Neugier. Bisher wurde die aber immer erstickt durch die plötzliche Angst, die Komfortzone zu verlassen. Und immer noch unsicher. Will ich das wirklich mache? Ist das ein Opfer, das ich verkrafte? Ein Abend pro Woche, an dem ich direkt nach der Arbeit eine Verpflichtung habe, die ich nicht guten Gewissens absagen kann, wenn ich einen nervigen Tag hatte und einfach nur meine Ruhe haben will
Es liegt auf der Hand, dass solchen egoistischen Gedanken sofort die Scham folgt. Aber jetzt haben wir uns kennen gelernt, und diese Gedanken sind plötzlich überhaupt nicht mehr vorhanden.

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