Samstag, 8. Dezember 2018

Männerfreundschaften

Heute hat einer der besten und ältesen Freunde meines Mannes (standesamtlich) geheiratet. Der engste Kern der Gruppe besteht aus Jungs (irgendwie wurden da nur Jungs geboren, es gibt nur eine Schwester), deren Eltern quasi schon bei Geburt der Kinder befreundet und Nachbarn waren. Dementsprechend sind die Jungs zusammen aufgewachsen, haben die gleiche Schule besucht, in der gleichen Mannschaft Fußball gespielt, in den gemeinsamen Urlauben den Eltern "die Haare vom Kopf gefressen" (Zitat der Mütter), und irgendwann stolz die ersten Urlaube ohne Eltern erlebt. Die jüngeren Brüder waren und sind ebenfalls befreundet, die Mütter der Freunde decken damals wie heute ungefragt für die Freunde mit, wenn zufällig ein Zusammentreffen in der Eifel gelingt.

Über die Jahre wurde sehr viel Unsinn getrieben, viel Bier getrunken, manche Zigarette geraucht, Liebesbriefe geschrieben, Abitur gemacht, aber auch Klassen wiederholt, Straßenlampen ausgetreten, bei Umzügen nach Köln und Aachen geholfen, Eltern geschieden und eine Mutter beerdigt, aber es gab keinen einzigen Bruch in der Freundschaft dieser Jungs, die nun Männer waren. 
T. und einer seiner Freunde lebten sogar zeitweise zusammen in einer WG in Aachen (T. hatte das Durchgangszimmer, auch als wir uns kennenlernten, aber das ist eine andere Geschichte, die es aber  sogar in die Rede unseres Trauzeugen geschafft und für Lachen gesorgt hat ...).

Als ich vor 10 Jahren dazukam, hatten die anderen schon langjährige Freundinnen, Schulzeit-Lieben, die es bis ins Studium geschafft hatten. Einer aber, B. hatte noch nie eine Freundin gehabt, war allgemein ein eher sonderbarer Kerl, aber immer dabei und von allen respektiert und akzeptiert, wie er war. 

Von Anfang an fühlte ich mich in dieser Gruppe wohl. Manche wohnten mittlerweile in Köln, B. noch bei seinen Eltern in der Eifel, aber sehr oft gab es gemeinsame Feiern, Wochenenden oder spontane Verabredungen zum Grillen hier wie dort. 

Dann überschlugen sich ab ca. 2013 (?) die Ereignisse. Sämtliche Partnerschaften außer der unseren zerbrachen. Die Brisanz der Ereignisse ist daran zu erkennen: Wenn T. mit den Jungs unterwegs ist und spät nachts zurück kommt, versucht er mich für gewöhnlich nicht zu wecken, bzw. zumindest nicht groß anzusprechen. 
Ich erinnere mich an nur wenige Situationen, in denen er nach so einem Abend nicht bis zum nächsten Morgen warten konnte, und mich wecken musste, um etwas los zu werden. Einmal, als sie bei einer Feuerzangenbowle sehr viel Glück gehabt hatten und es "nur" verbrannte Haare gab, in der Dringlichkeit aber direkt gefolgt von der Nacht, in der er mich weckte, um mir zu erzählen, dass sich G. und M. getrennt hatten.

Neue Freundinnen kamen, aus Köln, Hamburg, überall, sodass  plötzlich ICH die langjährigste Freundin war. Manche mehr, manche weniger in die Gruppe passend. Eine total merkwürdige Situation für mich, denn bis dahin war ich nicht nur die neueste Freundin, sondern zudem die einzige nicht aus der Eifel kommende gewesen. Zudem outete sich B. endlich als schwul, und die Jungs unterstützten ihn in einer nachgeholten Pubertät und nahmen dafür auch die Männer-Urlaube wieder auf, die den Pärchen-Urlauben gewichen waren - nur ging es jetzt nach Gran Canaria statt nach Zoutelande ;-).

B. zog nach Köln - wohin sonst. 

Und ich wurde wieder geweckt: P. wird Papa, erzählte T. mir atemlos.
Dann ging alles sehr sehr schnell. Die vermeintliche Verlobungsfeier an Weihnachten war eigentlich die Hochzeit und ein halbes Jahr später wurde also das erste Baby der Clicque geboren. Von einem Paar, das im Clicquen-Vergleich am kürzesten, nämlich erst ein Jahr zusammen war. Und plötzlich zogen die beiden weg, zu den Schwiegereltern. Nicht mehr in diese "Ich-kann-für-einen-Abend-mit-dem-Zug-kommen"-Nähe. Dass das passieren würde, dass P. die Nähe zu seinen Freunden aufgeben würde, damit hatte keiner gerechnet. Die Jungs fingen an sich Sorgen zu machen, da sie mit der Zeit seine Unzufriedenheit mit der Situation spürten, aber was will man an Argumenten anführen bei "Kind und Familie".  
Und B., der liebe B.: distanzierte sich immer weiter, die neuen Kölner Freunde wurden plötzlich den alten Freunden vorgezogen, etwas das in 30 Jahren niemals passiert war. 

Und ein weiteres Baby wurde geboren. Und heute die Hochzeit ihrer Eltern gefeiert. 

B. fehlte heute auf der Hochzeit eines seiner besten Freunde. Am Vorabend zu lang mit den neuen Freunden feiern gewesen. 
Auf die Nachrichten der Freunde "Alter, das kann nicht dein Ernst sein, wo bist du? Hochzeit ist nur einmal und hier gibt´s Bier" kam irgendwann keine Antwort mehr.



Mittwoch, 5. Dezember 2018

WMDEDGT 12/2018


Es ist der 5. Dezember. Frau Brüllen fragt auch in ihrem Lieblingsmonat Dezember, was die Bewohner von BloggingCity am heutigen Tage tun -außer Stiefel füllen.



05:25
Mein Wecker klingelt um 5.25 Uhr. Die letzten beiden Nächte waren aus Gründen der a) Schlaflosigkeit und b) Geburtstagsfeierei des Liebsten sehr, sehr kurz. Wie immer bricht dann bei mir nach der ersten Nacht, in der ich wieder normal schlafe, sprich heute, die Endzeit-Müdigkeit durch. Und das nach 7,5 Stunden Schlaf.



06:00
Nach einer Runde Morgen-Gymnastik mit verstärktem Hüpfanteil für die Knochen (mein persönliches Anti-Osteoporose-Programm) und einer Dusche geht es dann einigermaßen. Ich wecke den Liebsten, der ähnlich gerädert aussieht.



06:30
Ich öffne den Achtsamkeits-Adventskalender, den ich von meiner Freundin geschenkt bekommen habe, und muss an Frau Brüllen denken. 
Mich nervt dieser Hype genau wie so viele andere so sehr, dass die Achtsamkeit vor der Achtsamkeit kaum eine Chance hat. Dennoch versuche ich mich auf die Idee einzulassen, denn wenn ich ehrlich bin hat meine Freundin (sie ist Psychologin und muss es wissen) sehr recht: Ich stehe zur Zeit neben mir. Spüre weder Genuss, noch Freude, ich weine, bevor ich weiß wieso. Habe niemals lange Weile, weil meine Gedanken immerzu rasen, keinen Hunger, weil ein Keks immer in unbedachter Griffweite ist, bin niemals satt, weil mir nach wenigen Bissen der Genuss vergeht und mache meinen Sport ohne das Gefühl der anschließenden Befriedigung.
Da kann ein wenig Besinnung nicht schaden. Gestern musste ich sehr achtsam einen Kaffee trinken - das hat wirklich einen Unterschied gemacht. Statt im Stehen mit einem Podcast zu den neuesten Nachrichten aus Amerika, gab´s den ersten Espresso sitzend. Ohne Musik, ohne Bildschirm. 
Heute wird es schwieriger. Heute muss ich sechs Lächeln verschenken… Puh. Ausgerechnet heute.

07:00
Das mit den sechs Lächeln verlief durchwachsen. 


Es war eine Erfahrung, aber ich muss sagen, ich lächele lieber aus Überzeugung. Auch wenn es ja Studien gibt, die besagen, dass auch ein erzwungenes Lächeln die eigene Laune hebt.  

09:00
Meine Kollegin und ich planen die nächste Woche. Nachdem wir aus Gründen nur noch 5 statt 6 Laboranten haben scheint es, als würden die letzten 2,5 Wochen vor Weihnachten noch einmal richtig spannend.

12:00
Frühe Mittagspause, da ich um 13 Uhr ein weiteres Meeting habe. Ich hasse diese Zeit für Meetings, wenn Schnitzelkoma, bzw. bei mir Brotkoma angesagt ist.

13:00
Was soll ich sagen? Da ich als einzige Teilnehmerin des Meetings heute meine berechtigten Zweifel an dem Vorgehen geäußert habe, wird die Initiatorin der Sache dann wohl morgen bescheid wissen, wer die Kritik noch einmal an anderer Stelle geäußert haben wird. Nämlich ich. Morgen. Eine Etage oder zwei höher. Aber nach einer Migration eines ERP-Systems die zu validierenden Aspekte in einem 1,5h-Meeting auf Zuruf aufzuschreiben, ohne jeden risikobasierten Ansatz, ohne Validierungsplan, ohne Validierungsprinzipien, dann dahinter Namen zu schreiben und zu sagen: Jetzt macht ihr mal und dann hole ich mir am Ende eure Unterschriften ab - das ist so hanebüchen, dass ich jetzt gerade beim Schreiben schon wieder lachen muss. Wir sprechen übrigens von Medizinprodukten, nicht von Kugelschreibern.
Ich werde da relativ wenig unterschreiben, nämlich nüscht! und zur Not werde ich das morgen unserem GF um die Ohren hauen. Das ist sicher besser, als dass mir meine Unterschrift in 1,2,3 Jahren von einem Notified Body um die Ohren gehauen wird.

16:30
Feierabend. Ich bin kurz geneigt, das Abendessen-Date mit dem Liebsten abzusagen. Aber er hatte Geburtstag und wie selten gehen wir aus... also versuche ich eine Stunde zu Hause runterzukommen (nein eigentlich mach ich ein paar private blöde Brief-Versicherungs-etc-Sachen, ehe ich mich um 17:45 auf´s Rad setze.

18:00
Pünktlich wie die Maurer treffen wir uns vor dem Prosecco. Ich bilde mir ein, erkannt zu werden (ich träume davon, einen Stamm-Italiener zu haben, bei dem mich die Inhaber mit Namen begrüßen, aber dafür ist das Prosecco glaube ich zu teuer ;-) ), auch wenn wir das letzte mal vor einem halben Jahr hier waren. Während wir die News des Tages teilen, bekommen wir einen Gruß aus der Küche: Vitello Tonnato. Meine absolute Lieblingsvorspeise beim Italiener. Ich bin schwer begeistert, sonst gibt es eher Bruschetta (ich glaube wir hatten den Vorteil noch die einzigen zu sein, sodass unser Luxus-amuse-gueule keinen Präzedenz-Fall schaffen konnte). Für den liebsten gibt es dann noch ein Tonno-Carpaccio und im Anschluss Lachs und für mich Saltimbocca. Vorzüglich, ich bin mit dem Tag versöhnt - und genieße voller Achtsamkeit ;-).


20:30 
Wieder zu Hause setze ich mich für WMDEDGT an den PC, der Liebste sitzt auf der Couch und dort geht es für mich nun auch hin. 







Sonntag, 25. November 2018

Geschichten einer Ehe - oder wieso zwei Köche den Brei verderben

Mir wird hier vorgeworfen, immer alleine die Entscheidungen zu treffen, was gekocht wird. Und da ich kein Problem damit habe, z.B. in der Kürbissaison jede Woche einen Kürbis zu verarbeiten (und zu essen!), kam dieses Thema letzte Woche noch einmal auf - uppsi.

Vor ein paar Jahren gab´s da mal die Situation, dass ich T. in einer ebensolchen Diskussion fragte "Was sollen wir denn dann morgen kochen?". Die Antwort war - mit einem Fragezeichen am Ende "Rotkohl...?". Da mussten wir beide sehr lachen und seitdem ist es ein running gag. In meinen schlechteren Zeiten wäre Rotkohl als Hauptmahlzeit für mich ok gewesen - er aber hätte vermutlich etwas schief geguckt, wenn ich dem Vorschlag so nachgekommen wäre. Mir ist es wichtig, dass ich am Wochenende etwas koche, was wir mindestens einen Abend dann noch in der Woche essen können, und was man vielleicht in der Woche nicht schafft zuzubereiten, da zu viel Schnibbelei etc. Außerdem plane ich beim Einkaufen schon die folgenden Essen, in denen ich wenn möglich die übrig bleibenden Rohstoffe sinnvoll weiter verwerten kann. Jeden Tag neu einzukaufen ist aus meiner Erfahrung (im Studium ohne Auto habe ich auf dem Weg von der Uni einfach immer die 4-5 Sachen gekauft, die ich für´s Abendessen brauchte, das waren trotzdem pro Tag dann immer 10 Euro) viel, viel teurer, als einmal im Voraus die Woche zu planen. Und ausgehend von einem Gericht mit dem Wissen, welche Zutaten dort wohl übrig bleiben, fällt es mir auch leichter, Ideen für die anderen Abende zu finden. Da steckt also ein System hinter, und Freitagmittag finalisiere ich in der Mittagspause den Einkaufszettel. Da macht es mich rasend, wenn T. dann Samstag einfällt, dass er Sonntag gerne dies oder jenes gegessen hätte. Solche Vorschläge werden dann also erst Teil der nächsten Woche, und so gab es heute und nicht letzte Woche Sonntag Chili con Carne.

Zunächst lief alles super, T. schnibbelte Zwiebeln, Knoblauch und Paprika, während ich ein Brot buk. Er bot dann an, alles anzubraten und dann köcheln zu lassen. Abschmecken sollte ich dann später. Das Köcheln überbrückten wir, indem wir die zweite Hälfte von "Phantastische Tierwesen..." guckten. Dann ging ich wieder runter und ... fand das Chili im Topf angebrannt vor. T. hatte Stufe 2 von 5 unterschätzt. Also kippte ich um in einen anderen Topf. Dem Geschmack war da noch kein Abbruch getan. Trotzdem ärgerte sich T. Mit der Konsistenz war er einverstanden, ich dagegen fand es VIEL zu fest. Ich will da mit Brot drin dippen können. So aber war es eher eine krümelige Substanz. Die Diskussion haben wir ähnlich auch bei Pastasaucen. Und dann sah ich im Kühlschrank, dass T. meine Bitte, zwei Paprika und nicht nur eine zu verwenden, nicht berücksichtigt hatte. Hah, dachte ich, das kann ich auch- verlängerte mit etwas Brühe und dachte, wird er schon nicht merken. Beim Abschmecken (Zimt passt übrigens wider Erwarten echt gut) war ich dann sehr zufrieden und rief T., dass es Essen gebe. 
Als er dann die Kelle in den Topf versenkte, sah ich selber, dass das mit der Brühe nicht so unauffällig war, wie ich gedacht hatte. "Du hast das ja DOCH noch verlängert" - Leugnen zwecklos. Mir ging dann aber die anhaltende Meckerei doch sehr auf die Nerven, sodass ich den Topf nahm, noch mal auf den Herd knallte und vorschlug, dann eben zwei Stunden später zu essen, wenn alles wieder eimgekocht sei. Wollte er dann aber auch nicht, und einigermaßen einträchtig aßen wir unser Chili. Als T. Nachschlag wollte, bemerkten wir dann, dass das Chili immer noch auf dem Herd stand. 

Angebrannt.

Dienstag, 30. Oktober 2018

Hygiene-Faktor

Als wir letzes Jahr in einer Schulung zum Thema Teamführung lernten, was ein Hygiene-Faktor ist, konnte ich mir schon vorstellen, dass dieser Mechanismus eine große Bedeutung hat. Es gibt diese Faktoren im Arbeitsleben, die man niemals laut verlangen würde, deren Vorhandensein dann aber so schnell als gegeben angesehen wird, dass der Verlust besonders schwer wiegt und mit entsprechender Enttäuschung einhergehen würde. Das war meine sicher sehr flapsige Darstellung, besser nachlesen kann man das natürlich bei Wikipedia

Meine zwei wichtigen Hygiene-Faktoren sind ganz eindeutig: Das sichere Vorhandensein eines Parkplatz am Arbeitsort, aber auch das Vorhandensein von Mineralwasser. Wenn ich jetzt anfangen müsste, täglich an meine Flasche Wasser zu denken ....neeee!

Irgendwann im letzten Jahr erhielten wir pro Abteilungsküche erstmals Obstkörbe. Nett angerichtet in einem Stohkörbchen, eine nette Auswahl von immer Äpfeln und Bananen, aber auch mit einer gewissen saisonalen Abwechslung, Himbeere, Erdbeeren, Pflaumen, bis sogar hin zu Kiwibeeren, die wir vor ein paar Monaten im Korb hatten, und die meine Abteilung sämtlich zum ersten mal aß. Die Weintrauben waren perfekt für den kleinen Nachmittagsjieper und ein Kollege erzählte irgendwann, wie lieb er das Ritual seines 11-Uhr-Apfels gewonnen habe, der ihm half bis mittags durchzuhalten, ohne vorher zu Kaufland zu rennen und ungesundes Zeug zu kaufen. 

Voller Erfolg also. War eine Abteilung mal schwach besetzt, wurde Obst hin und hergetauscht zwischen den Abteilungen und alle waren glücklich. 

Vor zwei Monaten aber beobachteten wir erstmals, dass kein Lieferwagen mit Obst vorfuhr, sondern zwei HR-Mitarbeiter mit einem Einkaufswagen über den Hof fuhren. Kurz darauf erhielten wir dann unseren Obstkorb - ein wenig anders als sonst. In einer kleinen Plastikschüssel lagen 3-4 Äpfel, ebensoviele Bananen, eine winzige Rebe an Trauben sowie 2 Orangen und eine Kiwi. Zweifelsohne kann man hinterfragen, woher der Lieferwagen kam, ob es vielleicht regionale(re) Alternativen gegeben hätte, ob zu viel am Ende der Woche weggeschmissen wird und und und. Doch mit dem nun veränderten Angebot waren die Äpfel und Bananen bei 10 Leuten natürlich schnell weg. Die Kiwi dagegen fristete als einzige ihrer Art ein Anstandsdasein. Wanderte Freitag in den Kühlschrank und Montag in den Müll. Ebenso erging es den Trauben. Die Menge entsprach dem, was wir uns zuvor gerne mal nachmittags pro Person abgeschnitten hatten. Und nun traute sich keiner, sich Appetit auf Trauben zu machen, wenn doch sowieso nur so wenige vorhanden waren und man nicht alle wegessen wollte. 
In den anderen Abteilungen sieht es seitdem genauso aus: Überall bleibt bei geringerem, liebloserem und deutlich weniger abwechslungsreichem Angebot mehr übrig als zuvor. 

Und HR denkt: Alles richtig gemacht. So viel Obst brauchten die gar nicht.

Diese Woche gabs dann gar kein Obst. Ist ja eine 4-Tage-Woche, für manche gar nur 3. Dann sparen wir uns das doch direkt.





Mittwoch, 24. Oktober 2018

Gut betreut?!

Fast schon kann ich jetzt, 24 Stunden später, darüber lachen, weil es einfach zu absurd ist. Aber nur fast. Die Wut auf mich bleibt und die nicht enden wollende Gedankenspirale "Wie kann ich nur so doof gewesen sein, ich bin der dümmste Mensch der Welt, ...."

Aber von vorn. Ich fahre IMMER mit dem Fahrrad zur Therapie. Parkplatzsuchen war bisher an der alten Praxis meiner Therapeutin unmöglich. Und auch die neue Praxis liegt so nah, dass das Fahrrad die sinnvollere Alternative ist. Gestern aber musste ich nach der Therapie sehr schnell nach Hause und so fuhr ich von der Arbeit direkt zur Praxis. Es gibt einen Hof, der zur Praxis gehört, und auf dem man parken kann. Ein Luxus also, und so machte ich mir keine großen Gedanken im Vorfeld, stellte mein Auto ab und hatte seit langem mal wieder eine aufreibendere Therapiestunde. Aus Gründen habe ich im Moment das Gefühl, dass das Schicksal nicht nur ein mieser Verräter ist, sondern auch noch einen ganz bösen schwarzen Humor hat (wenn ich diesen Gedanken habe, habe ich immer das Bild der Grinsekatze vor meinem inneren Auge). Entsprechend durch war ich nach den 50 Minuten, denn sich Ansätze zu überlegen, wie man eine richtig schwierige Situation, über die man leider keinerlei Kontrolle hat, wenigstens auf gedanklicher Ebene in den Griff kriegt, statt sich dem Gedankenkarussel hinzugeben und vor allem ohne in alte bewährte Muster zu verfallen, ist kein Kinderspiel. 

Therapie ist immer eine eigene Welt. Und mit dem Hinausgehen fällt mir wieder ein, dass ich mich jetzt ja beeilen muss, um in 10 Minuten zu Hause zu sein, steige ins Auto und - RUMMS!

Ein Auto, das vorher noch nicht schräg hinter mir gestanden hatte, hatte ich beim Einschlagen erwischt. Fassungslos brach ich natürlich sofort in Tränen aus, brach in Panik aus und überlegte, was tun. Wohl oder übel musste ich nun meine Therapeutin fragen, ob sie wisse, wer der Halter ist. So ging ich also heulend zurück in die Praxis, beichtete ihr mein Ungeschick, heulte noch mehr, und dann klingelten wir nebenan bei der Logopädie-Praxis. Der Patient war dann der Halter des Autos und das ersparte mir immerhin den Anruf bei der Polizei. Im Beisein und mit Beistand meiner Therapeutin besichtigen wir die Schramme, machten Fotos und tauschten Personalien. 15 Minuten später als geplant war ich dann zu Hause. Immer noch heulend und so wütend auf mich, dass ich mir einen Kissenberg machte und in diesen hineinboxte, um nicht auf dümmere Ideen zu kommen. Den Schaden der Versicherung zu melden, ging sehr sehr schnell, nämlich online. Und damit ist das Thema, bis auf die höhere Schadensklasse ab nächstem Jahr, erledigt - eigentlich. In meinem Kopf aber tobt es weiter, und alle gestern wieder einmal besprochenenen Ansätze zur Umstrukturierung der Gedanken scheitern. Vielleicht lache ich in ein paar Jahren wirklich über dieses betreute Unfallbauen. Vorerst bleibe ich aber noch wütend, wütend, wütend. Auf mich und die Grinsekatze.

Sonntag, 21. Oktober 2018

Waffeln

Meine Schwester schickte mir heute ein Bild von frisch gebackenen Waffeln. Für sie nur ein Sonntagnachmittags-Süßes, für mich untrennbar mit dem Tag verbunden, an dem ich verstand, dass mein Vater sterben würde.

Im Dezember 2009 war mein Vater endlich, nach viel zu langem Zaudern, endlosem guten Zureden meinerseits (und sicherlich auch durch andere Menschen) zum Arzt gegangen, um den störrischen Husten doch einmal abchecken zu lassen. Das Telefonat, in dem er mir später von dem Termin berichtete, erinnere ich nicht vollständig. Wohl aber sein Erstaunen darüber, dass er  - selber Arzt - den Tumor in der Lunge kaum erkannt habe auf dem Röntgenbild, so groß sei er gewesen. 
Die dritte Krebsdiagnose nach Prostata und Darm war das nun in 5 Jahren. Jede Erkrankung eine eigene, nicht metastasiert. Two down, one to go - packen wir´s. Dachte ich da noch. Und er auch.

Als T. abends zu mir kam (unser erstes Jahr, wir wohnten noch nicht zusammen), wusste ich gar nicht, wie ich erklären solltw, was ich erfahren hatte. Nein, eigentlich wusste ich nicht einmal, was ich erfahren hatte. Irgendwo weit hinten in meinem Kopf war das Wissen darüber, dass ein guter Freund meiner Eltern vor vielen, vielen Jahren an Lungenkrebs gestorben war. Aber der hat auch geraucht wie ein Schlot, sagte ich mir, mein Vater doch immer nur phasenweise und weit weniger. Also eine Krebserkrankung wie die beiden auch davor? Eine OP? Vielleicht weitere Therapie? Und in einem Jahr haben wir das hinter uns? Andererseits... die Lunge. Ein Organ, so unmittelbar mit dem verbunden, was uns am Leben hält, dem Atmen....
Irgendwann schliefen T. und ich ein. Und am nächsten Tag beschlossen wir, in die Eifel zu fahren, um T.s Eltern zu besuchen. Zuvor erwischte mich noch mein Bruder am Telefon. Er hatte mit der Erlaubnis meines Vaters mit dem Arzt gesprochen, der die Diagnose gestellt hatte, und sah sich nun in der Situation seinen beiden viel jüngeren Schwestern klar zu machen, was die Diagnose wirklich bedeutete. Im Gegensatz zu dem Telefonat mit meinem Vater erinnere ich mich hier an jedes Wort. Und als ich den Hörer auflegte, begann ich zu verstehen, dass mein Vater sterben würde. 

Wir fuhren trotzdem in die Eifel, machten eine Wanderung im tiefen Schnee an der Oleftalsperre, während derer die Sätze, die mein Bruder gesagt hatte, sich langsam setzten. 
Er wird das nicht überleben. Ein Jahr vielleicht. Palliative Behandlung.

Als wir zu T.s Eltern zurückkehrten, hatten diese Waffeln für uns gebacken. Für mich waren Waffeln an einem Wintertag immer das Bild für Gemütlichkeit. Für Geborgenheit und Glück. Ich weiß noch, dass ich dachte, dass jemand, der uns jetzt von außen beobachten würde, wie wir heiße Waffeln (mit Zimt und Zucker aus der alten Blechdose von Ts. Uroma) aßen, denken müsste: Was für glückliche Menschen wohnen hier.

Montag, 15. Oktober 2018

Die letzte Chance

Morgen beerdigen wir den Grumpy Opa. Jeder hätte viele Sauerländer Rinderwürste darauf verwettet, dass er älter wird als seine Mutter (gestorben mit 96), oder zumindest als seine Schwester (gestorben mit 94). Das kräftige Herz. Zwar angesteuert durch einen Schrittmacher, aber für jeden untersuchenden Arzt wohl ein ungewöhnlich starker Muskel. 

Vor dem Hintergrund, dass er sich aber seit ein paar Tagen im Krankenhaus befand und mit einer Lungenentzündung kämpfte, konnte das klingelnde Telefon, letzten Mittwoch um 6.40 Uhr aber nichts Gutes bedeuten. T sagte nur "Das ist Mama" und wir wussten Bescheid.

Schon die Betreuung im Krankenhaus war schwierig. Aber dramatisch wäre es erst geworden. Das Krankenhaus hätte ihn an dem Tag, an dem er starb, gegen den Wunsch der Angehörigen entlassen.  Im Wechsel wollten sich die 4 Kinder Urlaub nehmen. Eine Lösung für 4 Wochen. Und dann? 

Seinen Kindern, die seitdem er im Krankenhaus war, diskutierten, telefonierten, berieten, weinten und tobten, um die Pflege für ihn zu regeln hatte er sehr klar gemacht, was er nicht wollte: Pflege in irgendeiner Weise.

Ein Heim? - da sind nur alte Leute.
Essen auf Rädern? - Rinderwurst und Kartoffeln, das werd ich ja wohl noch schaffen!
Eine Polin? - Ts, wie soll ich die denn verstehen?

Und es konnte unter den Geschwistern keine Einigkeit darüber gefunden werden, ob man diesen Wünschen zuwider handeln dürfe.

Vor 5 Jahren hatte er meiner Schwiegermutter nach deren schmerzhafter Scheidung vermittelt, sie könne ja dann auch wieder ins Sauerland zurückkommen und in ihr altes Kinderzimmer ziehen. Er dachte, dies sei ein großherziges Angebot, sie musste darüber nachdenken, ob das nun die Lösung sei für eine potenzielle spätere Pflegesituation.
Nun. Auch sie hat ihren eigenen Kopf und Stolz, und auch wenn der Sauerländer Freundeskreis genauso groß ist wie der Eifeler und sie mit offenen Armen und viel Veltins empfangen hätte, zog sie es vor, in der Nähe von uns Kindern zu bleiben. 

Sein unerwartetes Abdanken ist nun - so traurig es klingt - vielleicht das Barmherzigste, das er, der sich als so guter Christ verstand, seinen Kindern hat zuteil werden lassen. 

Finde deinen Frieden, Grumpy Opa.