Mittwoch, 2. August 2017

Zu früh gefreut.

Liebe Krankenkasse*,

ich geb es zu, ich habe mich eindeutig zu früh gefreut. War doof von mir. Aber selbst ich, als absolute Pessimistin und "Ich-glaube-das-erst-wenn-ich-das-schwarz-auf-weiß-habe"-Denkerin hätte das nun nicht erwartet. Denn diese Entscheidung ist meiner Meinung nach vor allem eines: dumm. wirtschaftlich dumm.

Aber von vorne. 
Seit 2 Jahren habe ich das Glück, eine Verhaltenstherapie machen zu dürfen. Der Weg dahin war lang, anstrengend und brachte mich so sehr an meine Belastungsgrenze, dass ich einmal sogar bei deiner Hotline anrief und fragte, ob mir endlich geholfen würde, wenn ich mich jetzt sogleich in eine Notfallaufnahme bewegen würde. Habe ich dann doch nicht gemacht. Sondern weiter telefoniert, E-Mails geschrieben und auf ABs gesprochen. Psychotherapeuten geben meistens eine Stunde am Tag an, in der man sie erreichen kann - verständlich, denn die übrige Zeit sitzen sie Patienten gegenüber, und eine Störung ist da nicht drin. Aber nicht immer kamen Reaktionen auf meine E-Mails, sodass um diese nervigen Anrufe nicht drum herum kam. Nebenbei pflegte ich eine Excel-Liste, um den Überblick nicht zu verlieren. Neben dem Datum und Inhalt des Gesprächs vermerkte ich dort die Wartezeit. Nein, nicht die Wartezeit bis zu einem Termin. Die Wartezeit bis ich wieder anrufen dürfe, um darum zu bitten, auf die Warteliste aufgenommen zu werden. Oder die Wartezeit, um erneut anzurufen, um zu fragen, wann ich wieder anrufen dürfe. um auf die Warteliste aufgenommen zu werden. Viele sagten auch einfach: Nein, nein, nein. Bitte melden Sie sich nicht wieder. Ich habe die Liste noch gespeichert in meiner Cloud, man weiß ja nie. Jede Zeile eine Absage. 
Ich denke, schon einem gesunden Menschen würde das an den Nerven kratzen. Aber einem kranken Menschen, der nach Jahren endlich die Motivation gefunden hat, sich doch Hilfe zu holen? Ich wusste zu diesem Zeitpunkt, dass es keine andere Möglichkeit mehr geben würde, als es noch einmal zu versuchen. Die Alternative wäre gewesen zu verhungern, vielleicht hätte ich aber auch vorher einen anderen Weg aus diesem Leben gefunden. Nein, das war kein Leben mehr, und je länger die Suche dauerte, umso verzweifelter wurde ich.
Gerade als ich aufgeben wollte, und mein Freund versuchte das abzufangen, indem er sich selber meine Liste zur Brust nahm und weitere Telefonate führte (auf Sympathie der Stimme o.ä. zu achten wäre ja sowieso lächerlicher Luxus gewesen), erhielt ich zusammen mit einer Absage per E-Mail immerhin den Tipp, es in der Lehrambulanz zu versuchen. Das tat ich, ein letzter Strohhalm, über ein Formular, Anrufe waren nicht erwünscht, und erhielt nach kurzer Zeit einen Bogen, den es auszufüllen galt. Ich ahnte, dass dieser nach dem Prinzip "Wer braucht die Therapie am dringendsten"(vielleicht eine gute Idee für ein neues Reality-Format?) ausgewertet würde, aber übertreiben musste ich da nun wirklich nicht mehr. Beim Ausfüllen wurde mir mein Elend erst richtig bewusst.  
Nicht allzu viel Hoffnung steckte ich da hinein - es gibt immer jemanden, dem es schlechter geht. Sechs Monate waren nun schon vergangen seit dem Entschluss, mir Hilfe zu suchen (Das war in Düsseldorf, im Cafe mit zwei Freundinnen, die beiden Kuchen und Latte, ich Kaffee. Beide kennen mich seit meiner ersten Krankheitsphase zu Schulzeiten, und obwohl ich zu dem Zeitpunkt schon lange jegliche gesellschaftliche Aktivität mied, wusste ich: ich muss die beiden ins Boot holen, um für den nötigen Druck zu sorgen. Und das war genau die richtige Entscheidung. Ohne die beiden hätte ich die Suche schon viel früher drangegeben). Und dann ging plötzlich alles ganz schnell.
Ich wurde zu einem ersten Gespräch in die Lehrambulanz eingeladen und erfuhr: Die hier arbeitenden Therapeuten sind angehende psychologischen Psychotherapeuten. Sie dürfen unter enger Supervision Patienten behandeln und erlangen im Rahmen dieser Tätigkeit ihre Zusatzausbildung. 

Meine Therapeutin ist ein Jahr jünger als ich. Nun gut, wir werden älter, und so wie ich nun mit knapp 30 Jahren auch theoretisch einem Arzt gegenübersitzen könnte, der drei Jahre jünger als ich ist und trotzdem vorhat mich aufzuschneiden, musste ich auch hier abstrahieren und die Ausbildung sehen, die diese Frau hinter sich hat. Vielleicht hatte ich auch einfach keine andere Wahl (Friss oder Stirb - das bekommt hier mal eine ganz andere Bedeutung) und so beantragten wir nach den probatorischen Sitzungen die Therapie. Dass das glatt lief, ist kein großes Wunder. Mehr Symptomatik gemäß dem anzuwendenden Diagnoseschlüssel hätte ich nicht aufweisen können und so begann also endlich meine Therapie.
Wir mussten uns eingrooven. Es dauerte eine Weile, bis meine Therapeutin merkte (und ich mich traute, es offen zu sagen), dass manche Aspekte bei mir weniger relevant waren. Ich brauchte niemanden, der mir zeigte, dass ich nicht dick bin. Ich wusste das, ich sah das nicht nur auf der Waage, sondern konnte es auch an meinem Körper sehen. Ich wollte so nicht mehr aussehen. Körperschemastörung abgehakt. 
Irgendwie fanden wir unseren Weg. Irgendwann machte es pling und wir waren bei dem Thema angelangt, das ich (wenn man das überhaupt so sagen kann) als Ursache allen Übels akzeptieren konnte. Wir fingen an zu arbeiten, von Woche zu Woche. In unserem muffigen fensterlosen Räumchen. Hier ging ich auf Ideen ein, die ich zuvor als unmöglich abgetan hätte, fand Unterstützung während eines mal eben so aufs Parkett gelegten Jobwechsels, aber erhielt auch über das katastrophale Weihnachten mit meiner Mutter hinweg per E-Mail Unterstützung. Ich lernte das Mittel der kognitiven Umstrukturierung und wurde wer weiß wie oft daran erinnert, dieses anzuwenden. Wenn ich mich in Ängsten verrante. Wenn mein Kopfkino mir vorspielte, die schlechteste Person für meinen Job zu sein. Oder die schlechteste Freundin. Oder einfach der schlechteste Mensch. Die anfängliche Unsicherheit, ob mir eine so junge Therapeutin helfen könne, schwand. Sie merkte, dass sie bei mir weiterkam, indem sie den Aufbau des Gehirns und seine Wirkungsweise immer wieder erklärte, entsprechende Übungen für meinen Alltag daraus ableitete. Kurz gesagt: Wir kamen gut aus. 
Irgendwann vergaß ich sogar, dass ich da jede Woche quasi in einer Abstellkammer des Uniklinikums saß, ohne jede persönliche Gestaltung meiner Therapeutin, da sie den Raum mit vielen anderen Kollegen teilte. Hauptsache mir wurde geholfen. Mir und meinem Freund, der so unendlich dankbar war, nicht mehr die ganze Last meines Lebens auf seinen Schultern zu fühlen. Der plötzlich wieder (ab und zu) eine Freundin an seiner Seite hatte, wenn es auf Geburtstage und Familienfeiern ging. Und nicht zuletzt beim Frühstück und Abendessen wieder ein manchmal sogar lächelndes Gegenüber hatte.
Liebe Krankenkasse, ich kann wahrheitsgemäß behaupten, wegen dieser Krankheit war ich keinen einzigen Tag krank geschrieben, obwohl mein Hausarzt das liebend gerne getan hätte. Gemeinsam mit meiner Therapeutin schaffte ich es, mich immer wieder für die Arbeit zu motivieren. Ich lernte, dass die Angst abnimmt, die Selbstsicherheit zunimmt und Lob, erst einmal als solches angenommen und kanalisiert eine ganz nette Motivation sein kann. Dafür hatte ich ein Büchlein. Jeden Tag etwas aufzuschreiben, was ich gut gemacht habe, eine meiner Aufgaben. Wochenlang fand ich nichts. Neuer Versuch: Immehin etwas, was gut oder schön war. Anfangs standen da so Sachen drin wie "Nett mit den Kollegen geredet", später "Lob vom Geschäftsführer". Step by step. 
Step by step nahm auch mein Gewicht zu. Aber das war dann beinahe Nebensache. Bei so viel Leben, was mir meine Therapeutin wieder zurückbrachte. Doch dabei war sie nicht alleine, eine weitere Kämpferin für mein Leben fand ich in meiner Ernährungsberaterin. Kohlenhydrate. Erst ein Knäcke, zwei Knäcke, und jetzt ein richtiges Brot. Die Resolutheit meiner Ernährungsberaterin funktionierte - wenn auch finanziell auf meine Kosten. Die Beihilfe durch dich, liebe Krankenkasse, war zwar lächerlich gering, aber weißt du was? Es war es so wert.
Ich weiß, dass andere Versicherungen deutlich großzügiger sind, was die Bezuschussung von Ernährungsberatung angeht. Naja, dafür finanzierst du diverse andere Naturheilkunde-Verfahren...Man muss Prioritäten setzen. 
Aber gut - ich habe dich ausgesucht, liebe Krankenkasse. Damals, als mein Vater starb, und ich mich selber holterdipolter um den ganzen Mist kümmern musste. Da hab ich mir dich ausgesucht, ich hatte ja die Wahl ... Dann gabs da ein Ranking, du standest ganz oben, und die Entscheidung fiel leicht. (Du hast übrigens Glück gehabt, dass ich nicht schon als Kind bei dir versichert war - Herz-OP, Nieren-OP und diverse weitere wären dich teuer zu stehen gekommen. Aus der Verpflichtung wärest du wohl nicht so leicht herausgekommen, wie jetzt)

Ja, die Erstattung von Kosten einer Therapie bei einer Therapeutin ohne Kassenzulassung im Kostenerstattungsverfahren ist eine freiwillige Leistung** - auch dann, wenn es sich um wenige Reststunden handelt bei einer Therapeutin die bis gestern eine Kassenzulassung hatte und sich nun aber eben nach Beendigung der Ausbildung selbstständig gemacht hat. An deren Ausbildung ich mich übrigens beteiligt habe, indirekt. Die Therapiestunden mit mir sind ein Bestandteil ihrer Ausbildung und haben dafür gesorgt, dass Aachen nun eine neue Therapeutin hat. 

Und nein- es ist keine adäquate Kompensation, mir stattdessen Beratung durch einen externen Dienstleister anzubieten für die Vermittlung einer neuen Therapie. Ich hoffe, ich muss niemandem erklären, wieso es nicht so geil ist, mitten in einer Therapie den Therapeuten zu wechseln - vorausgesetzt natürlich es würde einer gefunden. Allein schon der Gedanke, einer neuen Person die Familienverhältnisse nur in Ansätzen darstellen zu müssen, lässt mich schwindelig werden. Dann lieber gar nicht.

Ich höre nicht morgen auf zu essen, wenn die Therapie nun wegfällt. Aber die in etwas 4-wöchigem Abstand stattfindenden Termine haben mir immer wieder Anlass gegeben, mein immer noch stark kontrollierendes Verhalten zu hinterfragen, kleine Ausreißer daraus zu wagen, und gegenzusteuern, sobald sich alte ungute Rituale wieder in den Alltag einzupflanzen drohten. Ganz zu schweigen natürlich von akuten Krisen, die zwar selten, aber immer noch genug Kraft haben, mich durcheinander zu bringen. Abgesehen von dieser meiner Meinung nach moralischen Komponente, zurück zu meiner Aussage, dass dies nur eine unwirtschaftliche Entscheidung sein kann. Es fällt mir schwer abzusehen, dass es wirtschaftlich sein kann, eine bestehende Therapie zu beenden, dafür ein externes Unternehmen zur Suche eines neuen Therapieplatzes zu beauftragen und zugleich damit das Risiko einzugehen, dass ein Antrag auf Verlängerung der Therapie bedingt durch den Wechsel eingeht. Das sind jetzt die direkten naheliegenden Konsequenzen. Und das alles nur, um leicht erhöhte Kosten für nur noch wenige offene Therapiestunden gegenüber der ursprünglich bereits bewilligten Therapie nicht tragen zu müssen. Von den weiterreichenden Folgen für den Fall, dass ich nicht gesund würde, möchte ich gar nicht mehr anfangen. Mögliche gesundheitliche Schwierigkeiten und hieraus erwachsende notwendige Behandlungen? Um das abzuschätzen, dafür hast du sicher deine Experten, liebe Krankenkasse - und vorsorglich seit Juli ja auch den Zusatzbeitrag deutlich erhöht. 


* Diesen Brief sende ich natürlich nicht an die Krankenkasse. Stattdessen geht dort ein formaler Widerspruch durch meine Therapeutin und mich ein. 
Trotzdem war es mir ein Anliege und ich danke allen Lesern, die sich das echt alles durchgelesen haben.
**Andere Krankenkassen von anderen Patienten meiner Therapeutin haben das übrigens kommentarlos bewilligt - ob die ein besseres Controlling haben?

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