Donnerstag, 20. Juli 2017

Film: To the Bone

Nicht jeder Film muss immer jede Frage beantworten. Ich weiß auch nicht, wieso das ausgerechnet so oft von Filmen erwartet wird, die besonders komplexe Themen antippen. Oder liegt es einfach an der Art von Kritikern, die derartige Filme auf den Plan rufen? Oft sind diese Betroffene oder ehemals Betroffene, die ihre Krankheit als vereinfacht dargestellt empfinden. Oder es sind die, die so gar keine Ahnung haben von der Materie und nicht verstehen, wieso ein Mädchen oder Junge, das oder der vor einem vollen Teller verhungert, Thema für einen Film sein muss, wenn man doch einfach essen könnte. 
Ich hab mir den Film spontan angesehen, als ich allein zu Hause war, und ich bin wirklich nicht allzu unglücklich mit dem, was die Regisseurin und Hauptdarstellerin als beide ehemals Betroffene haben einfließen lassen.

Meiner Meinung nach ist, was der Film alles nicht zeigt, nicht das Manko, sondern sein Glück. Es gibt nicht die eine Geschiche hinter der Essstörungen, genauso wenig wie es die eine Therapie gibt oder den alleinigen Grund. Selbst innerhalb einer Person kann eine Krankheit so komplex sein, dass sie heute ein völlig anderes Gesicht hat als gestern. Wie soll das in maximal 120 Minuten passen? Und wer würde zum Beispiel behaupten, dass in einem Film über eine an Krebs erkrankte Person jegliche Ursachen, Erscheinungen, Behandlungsmöglichkeiten, Auswirkungen auf das Leben, etc. dargestellt werden müssten? Irgendwie keiner. Stattdessen begnügen wir uns ja auch hier gerne sowohl in Büchern als auch in Filmen mit stereoptyper Darstellung von Chemo (Kotzen und Haarausfall), der ewig wiederkehrenden Erkenntnis, wer die wahren Freunde sind, und - wenn es nicht gerade ein Wunder der Genesung gibt - so doch wenigstens der Versöhnung auf dem Sterbebett. 

Ich schweife ab, oder? Ich mach´s kurz:
"To the Bone" zielt, so glaube ich zumindest, gar nicht darauf ab, den Zuschauer in Sachen Essstörungen zum Experten zu machen. Eher ermutigt dieser Film, von vorschnellem Urteilen abzusehen, und nicht stur erklären zu wollen, was nicht zu erklären ist.
So viele Ansätze der Film als mögliche Auslöser für die Erkrankung der Protagonistin andeutet, mindestens so viele verschiedene Aspekte stecken hinter jeder einzelnen anderen Essstörung. Das familiäre Beziehungsgeflecht um diese Personen mag in vielen Fällen kompliziert sein, aber auch das nicht immer. Ganz zu schweigen von der Symptomatik, die in der medialen Beleuchtung selten über das Verweigern von Nahrung zum Zweck der Gewichtsabnahme hinauskommt, und damit nicht einmal einen Bruchteil von essgestörtem Verhalten wahrnimmt.

Wie einfach wäre es, dies alles zu erklären mit aktuell vorherrschenden Schönheitsidealen, denen manche eben mehr als andere hinterhereifern. 
"Do you think that´s beautiful?" fragt Ellens Stiefmutter. "No" sagt Ellen, und das ist vielleicht das wichtigste Wort des Films. 


Hier ein Link zum Offiziellen Trailer. Bitte beachten, dass der Trailer auf Grund der Darstellung von essgestörtem Verhalten u.U.  nicht für jeden geeignet ist .

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