Dienstag, 13. Juni 2017

Ramadan!

Rozas Absage gestern kam kurz vor knapp. Als ich ihr am Nachmittag den Raum whatsappte, der für uns in der Sprachschule reserviert war, kam holperig zurück, dass sie Kopfweh habe wegen Ramadan und ob ich nächste Woche Zeit hätte. Eine Absage, die erst auf eine whatsapp meinerseits kommt -für mich ein ziemlich deutliches Zeichen dafür, dass sie bis dahin mit sich gerungen hatte.. Vielleicht hätte sie initiativ gar nicht abgesagt, sondern wäre ohne weitere Kontaktaufnahme meinerseits in der Schule erschienen. 

Es ist das erste Mal, dass in unserer nun schon 6 Monate währenden Beziehung die Religion ins Spiel kommt. "Jetzt bloß nicht urteilen" - reflexartig verbiete ich mir, genervt zu sein, zu vermuten, dass Roza keine Lust hat und dass das Fasten eine Ausrede ist. Dabei war die letzten Wochen klar geworden: Ihre Freude am Lernen schwindet, je näher die Prüfung kommt. "Das schaffe ich eh nicht" steht ihr ins Gesicht geschrieben, spricht aus ihren Wort-armen und Smiley-lastigen whatsapp-Nachrichten. Doch für die Flucht nach vorne reicht die Motivation einfach nicht. 

Und jetzt eben Ramadan. Hätten wir uns wie geplant um 17:30 Uhr getroffen, wäre sie seit 14 Stunden ohne Wasser und ohne Nahrung zum Unterricht erschienen. Das sagt mir die schnell ergooglete Ramadan-Tabelle. Doch. Da kann man schon mal Kopfschmerzen haben. Ich hätte bis 17:30 Uhr dagegen ein Müsli mit Früchten und Joghurt, zwei Kaffee mit Milch, zwei Brote mit Frischkäse und sicherlich einen Liter Wasser zu mir genommen. Allein diese Diskrepanz verbietet es mir zu urteilen. 

Aber ich kann nichts dagegen tun: Ich BIN genervt. Am Sonntag habe ich als Vorbereitung Modell-Tests im Internet gewälzt, Übungen vorbereitet, mich über die Punktevergabe informiert (Sprechen bringt am meisten Punkte!), versucht Sanktionen bei Nicht-Bestehen zu finden, dann wie immer am Sonntagabend Bammel vor dem langen Montag gehabt, am Montag trotz mittelmäßigem Wetter das Rad zur Arbeit genommen, um schnell in der Stadt zu sein, und mich bei allem auch auf ein Wiedersehen mit Roza gefreut. 

Kurzerhand maile ich der Ehrenamtsprojektleiterin, dass ich spontan Zeit für das eh anstehende Quartals-Gespräch habe. Sie sagt sofort zu und so bin ich doch um 17:30 Uhr in der Sprachschule.  

Ehe ich den Satz beenden kann, dass Roza heute nicht kann - Kopfweh wegen Ramadan.... fällt mir die sonst so sanfte I. ins Wort "Ramadan ist keine Ausrede". Ui, das ist nicht das erste Mal, dass sie heute mit dem Thema konfrontiert wird, das ist kaum zu übersehen. Ein 70-jähriger Ehrenamtler hat heute die Fahnen gestrichen - zu viele Absagen, die ihn oft erst erreichten, als er bereits im Bus saß, um aus der Nachbarstadt (!) nach Aachen zu gelangen. Schnell nahm ich Roza in Schutz. Wirklich versetzt hatte sie mich ja noch nie. I. erzählt weitere kleine und größere Geschichten rund um den Ramadan, aber auch um andere Probleme innerhalb des Ehrenamt-Projekts, Community-Bildung, Blaumachen und nicht zuletzt die Welt-Politik, die sich im Klassenzimmer erst in der Sitzordnung und kurz darauf in der Leistung widerspiegelt.  


Einiges davon kommt mir bekannt vor. Viele haben Onkel, Tanten, Cousinen, manchmal sogar die Eltern in der Stadt. Die Familie wird noch mehr zum Dreh-und-Angelpunkt als sowieso schon. So ist das bei Roza auch ein Fluch und Segen zugleich, denn der Kontakt zu Deutschen ist damit weitestgehend nicht notwendig. Eingekauft wird im arabischen Supermarkt, auf dem Amt stehen Dolmetscher zur Verfügung. Die Haare schneidet der arabische Friseur, die abendliche Soap Opera im arabischen Fernsehen versetzt in die Heimat.

I. versichert mir: ein nicht bestandener Test hat keinen Einfluss auf den Aufenthaltsstatus. Mir rutscht ein Seufzer heraus. Roza hat 600 Stunden Deutschunterricht bei einer speziell für die Bedürfnisse dieser Schüler ausgebildeten Deutschlehrerin hinter sich. Dennoch fühle ich alleine mich so verantwortlich. Roza wird diesen Test nicht bestehen, daran besteht für mich kein Zweifel, und ich gestehe mir das jetzt ein, indem ich es laut ausspreche. I. weiß, dass Roza eine schwache Schülerin ist, allein deswegen ist sie ja im Ehrenamtsprojekt gelandet, und erklärt mir, dass das, was ich tue, viel mehr ist als Grammatik. Ein bisschen baut mich das auf. 

Als ich abends am Küchentisch sitze, der Liebste mich fragt, wie es mit Roza war, fang ich trotzdem an zu heulen.

Kommentare:

  1. Als Ehrenamtler mit Frustration umzugehen, finde ich besonders schwierig. Erlebe das in meiner Lions-"Arbeit" auch immer wieder mal, verstehe Deine Tränen also gut.

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  2. Lieben Dank für deine Worte. Insgeheim kommt man sich ja sowieso schon vor, als würde man zu wenig geben... Da trifft einen so was besonders.

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