Freitag, 14. April 2017

Es war ein schöner Tag.

Ich weiß gar nicht so recht, wie ich diesen Post beginnen soll. Den ganzen Dienstag war ich ziemlich aufgeregt wegen der bevorstehenden Einladung bei Roza. Insbesondere, wenn ich diejenige bin, die eine Veranstaltung, Verabredung o.ä. geplant hat, verstärkt sich meine Aufregung, weil ich mich dann eben auch noch dafür verantwortlich fühle, dass der liebste T. einen guten Abend hat. Normalerweise ist er die treibende Kraft, die dafür sorgt, dass wir ab und an gemeinsam Freunde treffen, auch wenn ich in letzter Zeit wieder langsam in Fahrt komme. 

Nach der Arbeit stand erst noch Impfen an, wofür ich zuvor noch den Impfstoff kaufen musste. Dann schnell zu Hause Umsteigen vom Auto auf´s Rad, um dann T. beim Arzt zu treffen. Normalerweise reicht mir solch ein "Stress" nach Feierabend schon aus. Stattdessen stand im Anschluss dann die Einladung auf dem Programm (was mir dann auch wieder zeigt, wie groß meine Fortschritte wirklich sind).

Schon auf dem Hinweg mussten wir lachen, weil wir, obwohl wie die Fahrräder schoben und zu Fuß schlenderten, schon 11 Minuten zu früh in der Straße standen, in der Roza und ihr Mann wohnten. So gingen wir noch eine Runde um den Block und - wie soll es sein - klingelten um Punkt 18 Uhr. Ja, peinlich. Aber da ich immer überpünktlich bin, der Liebste immer ein paar wenige Minuten zu spät ist, musste ja dann genau 18 Uhr bei rauskommen. 

Roza und Azad wohnen ganz oben und erwarten uns in der Tür. Und im Moment, in dem wir durch die Tür gehen, fällt alles an Aufregung von uns ab. T. bestätigt mir später, dass er es genauso empfunden hat. Nach dem gegenseitigen Vorstellen ergibt sich sofort ein Gespräch mit Azad. Wir reden über die wirklich geschmackvoll eingerichtete Wohnung, bestaunen einige kreative Details, erkennen Ikea-Lampen, die wir auch haben, und haben keine Schwierigkeit, Themen zu finden. Nachdem ich Roza jetzt einige Monate kenne, und immer wieder erstaunt bin, dass der Unterricht in der Schule doch so wenig Sprechkompetenz (schriftlich deutlich besser) mit sich bringt, ist die Lage bei Azad eine komplett andere. Man merkt, dass er in seiner Arbeit ständig Kundenkontakt hat, und im Laufe des gesamten Abends stolpert er vielleicht über 1,2 Wörter. Kennt aber wirklich alle komplizierten Begriffe aus dem Leben, Arbeitsleben etc, woran man merkt, dass er sich nach seiner Ankunft in Deutschland hier allein durchschlagen und mit "Vermietern", "Nebenkosten" und "Stundenlohn" klar kommen musste. Wahnsinn. Azad redet unbefangen über seinen Weg nach Deutschland. Über das Gefühl, das ihn damals überkam, als er - seit einigen Jahren im Libanon lebend - zum ersten Mal seit Beginn des Kriegs zurück in seine Heimat Syrien kam (und Schwierigkeiten hatte, das Land wieder zu verlassen auf Grund der Tatsache, dass für ihn als jungen Mann verschiedene Gruppierungen Verwendung gehabt hätten...). Endlich klären sich für mich ein paar Zusammenhänge, die mir bislang durch Roza nicht vollständig klar gemacht werden konnten. 
So vergeht sicherlich schon eine Stunde. Roza sagt nur ab und zu etwas, aber fühlt sich offensichtlich trotzdem einigermaßen wohl. Ich denke, sie kann der Unterhaltung folgen, da sie ab und zu Azad ein paar Details auf Kurdisch sagt, die er dann einfließen lässt.

Irgendwann steht Roza auf und fängt an, Essen von der Küche hereinzutragen. Ich folge in die Küche und sehe da erst, was sie alles vorbereitet hat: Es gibt eine große Schüssel Fattoush, Röllchen aus Blätterteig gefüllt mit Hühnchen und Bulgur-Bällchen, die Azad noch gemacht hat, als er von der Arbeit kam. Dazu eine frische Paprika-Joghurt-Sauce und Ayran. 

Als alles auf dem Tisch steht, setzen wir uns und Azad fängt an, uns die Teller vollzuladen. Er ist dabei so schnell, dass ich ihn erst stoppen kann, als mein Teller schon so voll ist, dass ich genau weiß, dass ich die Portion nicht schaffen werde. Aber alles ist unglaublich lecker und frisch, und ich geb mein bestes. Besonders die Minze im Fattousch macht etwas her, die Geschmacksnote ist so eine ganz andere.
Ich mampfe vor mich hin, und der schneller essende Liebste kriegt, sobald er mehr als die Hälfte seiner Portion gegessen hat, genau das gleiche noch einmal nachgeladen - trotz Protest! Später sagt er mir, dass er wirklich gelitten hat, da auch der erste Teller schon dicke gereicht hätte. ich hoffe so sehr, dass Roza und Azad uns wirklich glauben, wie lecker alles ist, wir betonen es mehrmals, auch wenn ich ein wenig auf dem Teller zurücklasse...

Wir helfen beim Abräumen (diesmal gegen den Protest von Roza) und sitzen dann wieder auf der Couch. Azad fragt, ob wir ihr Hochzeits-Video sehen wollen. Au ja ! Azad erzählt dabei ein bisschen von der Hochzeit, wie der Ablauf war, was es zu essen gab, etc. Es scheint alles sehr typisch kurdisch gewesen zu sein mit Catering nur für die Hauptspeise, das in der Regel Hähnchen ist, die Salate und Beilagen werden vom inneren Familienkreis beigesteuert. Die Feier fand in einem Saal statt und außer Essen wurde nur getanzt. Das 4-stündige Video zeigt von der 8 Stunden dauernden Hochzeit demnach auch in erster Linie tanzende Menschen, was aber ganz gut ist, da Azad und Roza uns so ihre Eltern und Geschwister zeigen können. Als ich Rozas Mutter verpasse zu sehen, sagt Azad "Macht nichts, gleich kommt noch eine Runde" 😁 Dem war auch so, und noch eine und ... 
Irgendwann wenden wir uns dem leckeren Kaffee zu (im arabischen Stil), der liebste T natürlich nicht, der kriegt Tee, und lassen die Hochzeit im Hintergrund zur musikalischen Untermalung weiterlaufen.  

Wirklich beeindruckt und zum Nachdenken angeregt hat mich die Natürlichkeit, mit der Azad und Roza ständig Familienmitglieder bei sich zu Besuch haben, manchmal über Tage, manchmal über Wochen. Umgekehrt hat Azad nach seiner Ankunft in Deutschland auch 6 Monate bei einer seiner Schwestern gewohnt. Auch wenn das klischeehaft ist, scheint es einfach normal zu sein in arabischen Ländern. Und wird sicherlich auch noch verstärkt, wenn man sich in einem neuen Land zurecht finden muss und das Glück hat, Familie dort vorzufinden. Wir sind die ersten deutschen Gäste der beiden, und ich hoffe sehr, dass wir ihnen nicht total seltsam vorkamen. Dass wir pünktlich um 18 Uhr klingelnd an der Tür standen, war sicherlich schon die erste Merkwürdigkeit für die beiden. Was sonst noch haben wir gesagt und gemacht, worüber sie grübeln, sich wundern oder lachen, als wir gegangen sind? Für uns war der Abend "normaler" als wir erwartet hätten. Abgesehen von der Sprachbarriere, die mit Roza noch besteht, hätte es auch ein Abend bei deutschen Freunden sein können. Wir haben uns sehr, sehr wohl gefühlt. 
Besonders gut getan hat mir zu sehen, dass Roza so einen liebevollen, offenen und intelligenten Mann an ihrer Seite hat. Mit ihren 22 Jahren kommt sie mir so unfassbar jung vor, da ist es beruhigend zu wissen, dass sie eine Stütze in ihrem Mann hat. 

Seitdem wir aus der Tür gegangen sind, überlege ich übrigens, was wir kochen, wenn wir die beiden einladen.

Als ich im Bett liege, erhalte ich von Roza auf mein nochmaliges Dankeschön per whatsapp die Antwort "Es war ein schöner Tag".





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