Sonntag, 19. Februar 2017

Kennenlernen

Zur Einführung in das Projekt gehört ein Treffen, bei dem die Leiterin des Projekts, der Ehrenamtler, die Lehrerin und der Schüler sich kennenlernen.

Wir haben uns für Montagabend in der Cafeteria der Sprachschule verabredet und dementsprechend bin ich auf der Arbeit die ganze Zeit zappelig. Ich hab wirklich keine Ahnung, wie so ein Kennenlernen aussehen wird. Das einzige, was ich weiß, ist, dass meine Schülerin jung und aus Syrien ist. Ich freu mich aber auch total und bin irgendwie erleichtert, dass es los geht, ehe ich Angst vor der eigenen Courage bekommen kann und meine Bereitschaft zurückziehe.
Also, sofort nach der Arbeit erfolgt zu Hause ein fliegender Wechsel vom Auto aufs Rad und ich düse in die Innenstadt. Die Sprachschule ist zum Glück nur 10 Minuten mit dem Rad entfernt. In der Cafeteria wartet schon die Projekt-Leiterin und wir schnacken ein bisschen, indem wir auf die künftige Schülerin warten. Am Nebentisch setzt sich ein Mädchen hin, unsicher, und mir ist relativ klar, dass das Roza sein wird. Wir sprechen sie vorsichtig an, "Roza?" und tatsächlich ist sie es. Sie kommt zu uns rüber. Ups, ich habe doch nicht mehr gegoolet, ob man sich in Syrien die Hand reicht. Macht nichts, die Projekt-Leiterin gibt Roza die Hand und ich tu es ihr nach. Ich glaube, so oft macht sie das nicht, dieses Händeschütteln. Fühlt sich nicht sooo gekonnt an. Aber egal, der Moment ist zum Glück schnell vobei.
Die Projektleiterin versucht das Gespräch in Gang zu bringen. Klappt ... semi. Naja, ich glaube, Roza weiß dann zumindest, dass ich Eva heiße und diejenige bin, welche. Ich frage mich plötzlich total akut, ob sie sich gezwungen sieht, das kostenlose Angebot anzunehmen und eigentlich gar keine Lust hat? Vielleicht will sie sich nachnittags lieber mit Freundinnen treffen, die sie aus der Sprachschule kennt? Zum Glück kommt die Lehrerin... sie übernimmt ein wenig, mir zu erklären, was bereits im Unterricht behandelt wurde, und ich stelle ein paar Fragen. Blöderweise benutze ich automatisch alle grammatikalisch korrekten Begriffe, weil ich es so gewohnt bin (Humanistisches Gymnasium mit Latein und Altgriechisch lassen grüßen) und ich hoffe, dass das nicht total steberhaft rüber kommt. Wahrscheinlich sagt die Lehrerin deswegen, dass der Fokus auf dem Sprechen liegen soll, weil Roza sehr schüchtern sein. Ok, verstanden. Jetzt versuchen wir einen wöchtentlichen Termin sowie eine Uhrzeit festzulegen, und es gibt einige Rumhampelei, ehe wir uns gegenseitig in Whatsapp sehen können. Das wäre geschafft, puh. Zum Glück brechen die Lehrerin und die Projektleiterin jetzt auf. Ich schlage vor, dass Roza umd ich noch kurz zu zweit reden, ehe es dann in der Woche danach richtig losgeht.
Obwohl ich es weiß, frage ich noch mal die groben Eckpunkte ab, wie alt Roza bist, lasse mir bestätigen, dass sie syrische Kurdin ist. Alles was darüber hinaus geht, wird schon schwierig jetzt. Ich meine aber, erfahren zu können, dass Rozas Mann vor ihr nach Deutschland gekommen ist, und Roza mit dem Flugzeug vor einem halben Jahr folgen konnte. Ihre Familie ist allerdings in Holland gelandet, und lebt jetzt dort. Das ist wohl dieses Dublin, von dem alle reden. Roza schreibt mir zudem den Namen ihrer Heimatstadt auf einen Zettel und ich versuche ihn nachzusprechen. Erstes vorsichtiges gemeinsames Lachen, und irgendwo bricht eine Eisschicht.
Ich glaube, dass das ein Zeichen ist, es für´s erste gut sein zu lassen, und ich verabschiede mich und weise noch mal auf den nächsten Termin hin. Roza bedankt sich. Das heißt vermutlich, dass sie weiß, dass es sich um eine ehrenamtliche Sache handelt, und dass ich nicht Lehrerin bin.
Sofort ist sie verschwunden, und obwohl ich ebenfalls keine langsame Geherin bin, sehe ich sie, als ich aus der Tür der Sprachschule gehe, schon nicht mehr.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen