Donnerstag, 23. Februar 2017

Geimpft auf Lebenszeit?

Seit ich vor nun beinah 10 Jahren zum Studium in die Karnevalsstadt gezogen bin, begründe ich meine Karnevalsunlust mit der Tatsache, dass ich aus einer Stadt komme, in der das nicht üblich ist. Stimmt zumindest halb, es gab einen mickrigen Rosenmontagszug, den tatsächlich niemand meiner Freunde ansprechend fand; falls es Karnevalssitzungen gab oder ähnliches, habe ich nichts davon mitbekommen. Dass ich mit Karneval nichts anfangen kann, klingt nach kurzem Umriss jener Verhältnisse in der Heimat für andere - und auch für mich - immer schlüssig. Bequem ist diese Begründung auch - aber eben nicht richtig. Denn ich habe schon so viele Sachen in meinem Leben gelernt, wieso nicht auch Karnevalfeiern? Heute Morgen stieg ich ins Auto und geriet an den lokalen Radiosender, der grob fahrlässig noch von gestern eingestellt war. Es lief ein Karnevalslied. Und - es gefiel mir. Die 12 Minuten Arbeitsweg sind mir heilig, was die konsumierte Musik bzw. Kommunikation angeht. Wenn kein richtig gutes Lied läuft, schalte ich sofort auf WDR 5 und höre den meist tagespolitischen Beitrag, der um diese Zeit läuft. Tja, und wie soll ich sagen. Heute blieb ich bei der Karnevalsmusik, hüpfte ein bisschen auf meinem Sitz und summte beim zweiten Refrain mit. Es folgte ein kurzer Bericht aus dem närrischen Radiostudio und dann stieg ich auch schon leicht irritiert aus dem Auto. Das hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht. Wieso ist gerade diese Einstellung "Ich kann auf gar keinen Fall jemals Karneval gut finden" so in mir verankert? Irgendwie habe ich diesen Verdacht, dass es bei diesen scheinbar unveränderlichen Meinungen sich genau um die handelt, die man definitiv von seinen Eltern mitbekommen hat. Wenn ich an Karneval denke, denke ich nämlich, wenn ich ehrlich bin, vor allem an das Bild, das meine Eltern davon gezeichnet haben (erstaunlicherweise auch sie, ohne jemals Karneval gefeiert zu haben, meine ich): Betrunkene Menschen, Kontrollverlust,Peinlichkeit, Albernheit ohne Grund. Seit 8 Jahren beobachte ich meinen Freund, wie er die Woche vor Karneval anfängt, sein Kostüm zusammenzusuchen, Karnevalsmusik zu hören (wissenderweise nur mit Kopfhörer) und sich wirklich aus vollstem Herzen zu freuen. Selbst das Wissen, dass er wirklich großen Spaß hat, hat bei mir nicht zu einer anderen Sichtweise geführt als der "dass man Karneva eben nicht braucht". Nen, ich bin heute nicht spontan um 11.11 Uhr vom Schreibtisch aufgesprungen, habe mein Überstunden-Konto geplündert und bin mit meinem Freund und unseren gemeinsamen Freunden feiern gegangen. Aber ich bin trotzdem ein bisschen zufriedener nach dieser Selbsterkenntnis heute.

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